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BIOHAZARD: Interview mit Billy Graziadei

12.05.2012 | 16:25

BIOHAZARD am Scheideweg: Die Pioniere der Metal-Hardcore-Fusion gehen ihren Weg ohne Bandkopf Evan Seinfeld. Billy Graziadei über die Zukunft der Booklyner.

Es hätte so schön sein können: Die alten BIOs sind wieder vereint, trümmern ihr bestes Album seit Ewigkeiten ein und kehren zur alten Größe zurück. Doch ehe es zu letzterem kommen kann, verlässt Evan Seinfeld die Band. BIOHAZARD versuchen's trotzdem weiter, veröffentlichen "Reborn In Defiance" und ziehen einen Tourmarathon durch. Zwischen einem ersten Abstecher nach Europa und dem bevorstehenden Festivalsommer in Deutschland meldet sich Gitarrist, Sänger und Gründungsmitglied Billy Graziadei.


Hey Billy, ihr habt die erste Tour ohne Evan hinter euch. Wie waren die Reaktionen der Fans?

Es fühlt sich an, als hätte die Band mehr Energie als jemals zuvor, keine Ahnung wieso oder warum, aber es ist so und wir lieben es. Scott alleine bringt unheimlich viel Energie in die Gruppe und vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass wir wieder wie früher zusammen sind und das neue Album am Start haben. Aber ist auch egal, denn es rockt, und so muss es sein! Die neuen Songs sind allesamt Killer live, wir haben 'ne Menge davon auf facebook und youtube online gestellt.

Warum hat Evan Seinfeld denn aus deiner heutigen Sicht die Band verlassen?

Wir waren total geschockt, als Evan die Band verlassen hat. Er ist aus persönlichen Gründen gegangen, wir respektieren das und belassen es dabei. Ich erinnere mich daran, wie meine Eltern sich haben scheiden lassen, als ich noch ein Kind war. Es war die Hölle für mich und meine Brüder. Kurz danach ist meine Mutter an Krebs erkrankt, hat die so gut es ging gegen die Krankheit gekämpft, am Ende aber dann doch verloren. Jede Nacht habe ich im Bett gelegen und mir gewünscht, die Dinge wären wieder so wie früher, aber das ist natürlich nicht passiert. Das Leben teilt die Karten aus, und mit denen, die du hast, musst du leben. Ich bin froh darüber, all diese Erfahrungen gemacht zu haben und glücklich dort, wo ich jetzt stehe. Du weißt nie, was morgen passieren wird. Ich wünsche Evan das Beste und hoffe, dass er findet, wonach er sucht.

Einerseits habt ihr zwar euer vielleicht bestes Album seit Jahren rausgebracht, anderseits wurdet ihr von eurem Frontman verlassen: Stehen BIOHAZARD am Scheideweg?


Wir gehen mit dem Flow, Bruder. Evan und ich haben sowohl gemeinsam als auch getrennt gesungen, von daher ist es dieses Vor-und-zurück-Gefühl, das immer noch da ist. Unser neuer Basser, Scott Roberts, ist richtig klasse und bringt sich zu 100 Prozent in die Band ein. Er ist ein großartiger Musiker und Sänger und gibt BIOHAZARD etwas, das kein anderer besser könnte! Er kommt sowohl aus der Hardcore- als auch aus der Metal-Ecke und passt von daher wie der Arsch auf den Eimer. Jetzt fliegt nämlich noch ein weiterer Kerl mit über die Bühne, auf den ich aufpassen muss!
Als wir mit der Tour in Europa angefangen haben, musste Scott in Belgien ins Krankenhaus gebracht werden. Die Show war ausverkauft, 3.000 verrückte Hardcore- und Metal-Freaks. Wir wollten den Gig eigentlich absagen, weil die Ärzte keine Ahnung hatten, was mit Scott los war und keine Untersuchung irgendwelche Ergebnisse brachte. Eine halbe Stunde vor Beginn der Show ist Scott von sich aus aus dem Krankenhaus raus und zu uns auf die Bühne gekommen - und hat 'ne Killershow abgeliefert! Nach dem Auftritt ist der dann zurück ins Krankenhaus gegangen und dort einen Tag geblieben. Er hat uns gezeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist, jeder andere hätte die komplette Tour abgesagt! 100 Prozent Hardcore Metal bis auf die Knochen, dem gebührt Respekt.

Kommen wir zu eurem aktuellen Longplayer "Reborn In Defiance", dem vielleicht besten BIOHAZARD-Album seit "State Of The World Address". Es scheint, als hättet ihr euren abwechslungsreicheren Stil wiedergefunden.

Danke für das Kompliment, das bedeutet mir und der Band sehr viel. Ich würde sagen, dass wir an "Reborn In Defiance" sehr hart gearbeitet haben und stets sehr fokussiert waren, was sich am Ende dann ausgezahlt hat. Wir haben verdammt viel Aufwand darin investiert, immer nur an einem Song zu arbeiten, immer nur auf ein Stück konzentriert zu sein. Wenn das zufriedenstellend war, haben wir uns um den nächsten gekümmert. Wir haben auch ausprobiert, wie die Stücke live ankommen und sind dann manchmal zurück ins Studio, um noch an ein paar Dingen zu feilen oder neue Ideen auszuprobieren.

Bei den Aufnahmen war Evan Seinfeld ja noch an Bord. Wie fühlte es sich denn an, wieder in Originalbesetzung zu spielen?

Das fühlt sich absolut großartig an! Genau so wie damals, als wir alle zusammen angefangen haben. Live ist es noch besser, da steigt das Energielevel ins Unermessliche!

Ihr habt auch eure Schwäche für Gitarrensoli und Doublebass wieder entdeckt.

Es ist geil, Bobby Hambel wieder in der Band zu haben. Er ist ein großartiger Gitarrist der mit *so viel* Seele spielt, das merkst du bei jedem seiner Soli auf "Reborn In Defiance". Dass wir alle zusammen touren und es auf der Bühne krachen lassen können, ist wunderbar. Ich liebe das und kann es kaum erwarten, wieder auf Tour zu gehen. Ich bin jetzt seit drei Tagen daheim und will schon wieder losziehen!

Was ist denn dein persönlicher Favorit unter den neuen Songs?

Schwer zu sagen - die Songs wären ja alle nicht auf dem Album, wenn wir sie nicht mögen würden. Ich finde, es gibt immer Stücke, die ich unheimlich gerne live spiele. Dann gibt es welche, die zwar absolut rocken, aber leider nicht so gut auf der Bühne funktionieren. Wir hatten stets Elemente in unseren Songs wie bei 'Failed Territory' mit Piano-Parts, Akustikgitarren-Intros oder -Outros. Ich freue mich drauf, 'Vows Of Redemption' live zu zocken, um die Stimmung etwas abzukühlen, um sie dann mit 'Vengeance Is Mine' oder 'Reborn' wieder richtig anzuheizen!

Früher habt ihr bei den Aufnahmen zu großen Alben gerne mal Gastmusiker eingebracht wie CYPRESS HILL. Aber diesmal sollte es wohl BIOHAZARD pur sein?


Wir haben diesmal sogar einen Song mit Sen Dog aufgenommen, während wir am Album gearbeitet haben. Ich hoffe, dass wir den bald veröffentlichen können.

Ihr habt auch ein paar Gigs in Deutschland gespielt. Ich habe mal einen Clip auf Youtube gefunden von einem Gig in Stockholm, bei dem die Menge zunächst nicht ganz so enthusiastisch wie von euch gewünscht reagiert hat. Und einer von euch fragte: "Sind wir in Deutschland oder was?" Sind wir Deutschen wirklich so langweilig?


Willst du mich verarschen, das haben wir echt gesagt? Deutschland ist das verrückteste Land, in dem man spielen kann. Aber ja, ich erinnere mich an den Gig, ich glaube sogar, ich hab' das selbst gesagt, hahaha! Ich war lange mit einer Schwedin zusammen, und die hat mir immer gesagt, dass Deutsche Schweden nicht mögen würden. Wir waren mal in Deutschland im Urlaub und da war diese Bar, die am Eingang ein Schild hatte, so nach dem Motto: "Nicht ohne Schuhe, nicht ohne Shirt und keine Schweden!" ... saukomisch! Das erinnerte mich daran, wie beispielsweise New Yorker keine Leute aus New Jersey mögen. Und naja, da es diese Rivalität scheinbar gibt, habe ich diesen Witz gebracht, um das Publikum zu animieren. Hat ja funktioniert!

Da ihr gerade eure Tour mit HATEBREED beendet habt, die euch ja inzwischen als Aushängeschild der Hardcore-Szene abgelöst haben: Was denkst du über die Jungs einerseits und die ganzen heutigen Metalcore-Gruppen auf der anderen Seite? Und was bedeutet Hardcore eigentlich heutzutage für dich?

Ich liebe HATEBREED total. Wir sind gute Freunde, aber ich bin auch ein Fan. Was die Metalcore-Truppen betrifft, von denen du sprichst: Ich kann mich noch gut an früher erinnern, als die Leute BIOHAZARD als "Metalcore" bezeichnet haben! Am Ende haben wir irgendwie zu keiner Band gepasst. Wenn wir mit Metal-Bands gespielt haben, waren wir immer zu Hardcore, für die Hardcore-Bands waren wir zu sehr Metal. Und dann haben wir auf Festivals mit CYPRESS HILL oder den RED HOT CHILI PEPPERS gespielt. Wir waren die Außenseiter der Musikindustrie - was uns natürlich gefallen hat. Ich glaube, wir ziehen besonders die Fans an, die uns sehr ähnlich sind, wir sind selbst Fans und Freunde von so vielen verschiedenartigen Stilen und Richtungen. Individualisten, die sich nicht von den Medien vorschreiben lassen, was gerade cool oder nicht cool ist, das sind die Leute, die BIOHAZARD hören. Und ich bin stolz darauf, solche Fans und Freunde zu haben!

BIOHAZARD spielen im Juni u.a. auf dem "Sucks'n'Summer" und "Reload Festival" in Deutschland, dem österreichischen "Novarock" und dem "Sommercasino" in der Schweiz.

Redakteur:
Carsten Praeg

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