top banner 158
side banner 159

BETHLEHEM: Interview mit Jürgen Bartsch

01.01.1970 | 01:00

Alles in der Welt unterliegt Veränderungen und so verhält es sich auch mit den einstigen Herren des deutschen Black Metal BETHLEHEM. Deutlich gereift in ihrer Musik, aber dennoch kein Stück weiser, präsentieren sie sich auf ihrer jüngsten Veröffentlichung "Mein Weg". Auch im Line-Up gab es so einige Wandlungen. Bassist Jürgen Bartsch - nebenbei auch noch Herr der sieben Meere und sensibler Maritimgourmet - bringt in einem langen Gespräch die Welt nicht nur in Sachen BETHLEHEM auf den neusten Stand.

Jürgen:
Hallo, hier ist Jürgen Bartsch. Spricht dort Wiebke? Kommst du aus Solingen?

Wiebke:
Nein, aus Dresden.

Jürgen:
Ach so, da kenne ich mich nicht so sehr aus. Ich kenne mich mehr in Leipzig aus, weil ich dort mal eine Freundin hatte. In Dresden war ich nur einmal 1996. Da gab es dieses Black-Metal-Label No Colors, das wir damals mal besucht haben.

Wiebke:
Nun, mit Metal geht hier nicht viel. Wir haben nur das "Heavy Duty" und das "Titty Twister" zum Abhängen. Dort sind auch manchmal Konzerte, aber in letzter Zeit erlebt ja der Metalcore seine Hochzeit und das gefällt mir nicht so sehr. Aber das nur am Rande.

Jürgen:
Ja, so genau kenne ich mich da auch nicht mehr aus. Mit Metal haben wir gar nicht mehr so viel zu tun, zumindest was diese ganze Szene angeht. Nur einige wenige sind übrig geblieben.

Wiebke:
Das sieht man auf euren Promofotos sehr deutlich. (Da muss Hr. Bartsch lachen.) Was ist das eigentlich für ein Rollstuhl, in dem du da sitzt?

Jürgen:
Ja, also der Rollstuhl gehörte meinem Großvater. Ich habe ihn zunächst für Livegigs verwendet, weil das natürlich schön anstößig ist, so ein Rollstuhl. Ansonsten benutze ich ihn als Proberaumstuhl.

Wiebke:
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieser Rollstuhl sehr bequem ist.

Jürgen:
Ja, der hat so eine Silikonauflage, die ist schön weich. Dadurch ist dieser Stuhl besser als normale Proberaumhartstühle. Sehr geeignet für gebrechliche Leute.

Wiebke:
Aha, du bist ja sicher auch ein sehr zerbrechlicher Mensch...

Jürgen:
Selbstverständlich.

Wiebke:
BETHLEHEM. Erkläre mir doch bitte mal den Weg eurer Namensfindung.

Jürgen:
BETHLEHEM steht für dreizehn Jahre harte Arbeit, für künstlerische Freiheit und Freiheit als solche und auch weiterhin für das Ziel, wahre Eigenständigkeit innerhalb der gesamten Metal-Szene zu wahren. Dabei agiert BETHLEHEM niemals aus kommerziellen Interessen heraus, sondern bleibt der eigenen Flagge treu. Die ursprüngliche Namensgebung sollte einst eine Art Kontrapunkt zu dämlichen Bandnamen à la ROTTING CHRIST oder IMPALED NAZARENE darstellen, sozusagen eine Provokation, um nicht zu sagen, Verarschung.

Wiebke:
Aber mochtet ihr diese Bands nicht?

Jürgen:
Oh doch, das waren die Sachen, die wir damals gehört haben. Zumindest, was IMPALED NAZARENE betrifft. Außerdem noch BEHERIT. Das waren die ersten Black-Metal-Bands, die es als Single zu kaufen gab. Damals war es sehr schwierig, Black-Metal-Singles oder Demos aufzutreiben, da Black Metal nur was für eingefleischte Fans war. DARKTHRONE etc. kamen erst später. Es ging um die Energie dahinter.

Wiebke:
Glaubst du denn an Energiefelder?

Jürgen:
Ja, aber nicht solchen Esoterikkram. Ich glaube an keinerlei Schnickschnack. Ich bin da sehr puristisch. Allerdings glaube ich an die Liebe. Das ist so etwas sehr Energetisches. Das ist das Einzige. Ich bin streng katholisch erzogen worden. Ich kenne diese Art von Erziehung, wo mir ein Pfarrer mit dem Schlüsselbund ein Loch in den Kopf geschlagen hat. Das war für mich eher abschreckender Natur. Es gibt keine Vergebung, keine Absolution. Ich bin völlig wertfrei.

Wiebke:
Und wie steht's mit Satanismus?

Jürgen:
Ist schon zuviel zu gesagt bzw. geschrieben worden. Interessiert keine Sau mehr, mich persönlich überhaupt nicht.

Wiebke:
Welche Musik hat dich denn zum ersten Mal tief berührt? Was war die erste Band, die dir nahe gegangen ist und dir mal so richtig wehgetan hat?

Jürgen:
Also bei mir waren es DEEP PURPLE mit "Live In Europe". Das war mein Einstieg in die "harte" Musik. Direkt danach kamen MOTÖRHEAD mit ihrem 77er Debüt-Album auf Chiswick Records. Dann VENOM und ein paar Jahre später METALLICA und SLAYER. Die Kraft, die Power dahinter hat mich berührt, es war roh, grausam, heftig, energetisch, einfach unbeschreiblich! Danach musste es natürlich immer härter, immer brutaler werden. Das Eigenartige daran ist, dass ich bei solcher Musik wunderbar entspannen kann. Ich kann bei Knüppelmugge bestens einschlafen.

Wiebke:
Das geht mir manchmal auch so. Ich habe eine Zeit lang die "Nightside Eclipse" von EMPEROR zum Einschlafen gehört. Du hast Recht, das geht ganz wunderbar. Dieses Album spricht ja auch direkt das Unterbewusstsein an.

Jürgen:
Genau. Mit IMMORTAL ging es auch ganz gut. Als wir damals 1994 unsere Debüt-Scheibe "Dark Metal" in Holland aufgenommen haben, haben wir vorm Einpennen immer "Pure Holocaust" gehört und waren ratz fatz weg vom Fenster.

Wiebke:
Kommen wir zum aktuellen Album "Mein Weg". Hast du irgendwie ein besonderes Interesse an Fischen oder dem Meer? Teile davon kommen mir so unterseeisch vor. Da wäre z. B. der Song 'Aalmutter'. Was hat dich dazu inspiriert?

Jürgen:
Ich hab's, glaub ich, mit Fischen. Das hat auch einen Hintergrund. Mein Vater hat früher in Spanien gearbeitet. Ich habe dort oft Urlaub gemacht in einem Örtchen namens Novalis, in der Nähe von Bilbao, der Basken-Hauptstadt. Da, wo die ETA herkommt. Wir hatten dort ein Haus, es war auf die bizarren Felsen der nordatlantischen Steilküste gebaut, die direkt in das Wasser hineinragten. Dort zwischen den Klüften und in Felsspalten wohnen Herr und Frau Krake. Diese Welt unter Wasser hat mich sehr fasziniert. Ich lernte, wie man Kraken fängt, ohne einen Finger zu rühren. Aber interessiert dich das überhaupt? Möchtest du das jetzt wirklich wissen?

Wiebke:
Och, gerne doch.

Jürgen:
Also man nimmt eine Bohnenstange, eine Speckschwarte, die auf das Ende der Stange genagelt wird und ein Stück Alufolie, mit der man den Speck abdeckt. Die Stange taucht man nun in das Wasser ein. Der Krake - an sich ist ein neugieriges- und sehr intelligentes Tier - wundert sich, was denn da so interessant im Wasser glitzert. Er tastet, streckt seine Ärmchen aus und greift vorsichtig nach dem glitzernden Stück Folie. Die Folie gibt nach, er drückt weiter mit seinen Saugnäpfen dagegen und man hat ihn an der Stange. Den Kraken habe ich dann ganz vorzüglich mit Zitrone und Zwiebelchen zubereitet. Das hat wunderbar geschmeckt. Mein Vater meinte zu mir, ich hätte ein großes Talent als Fischer und auch als Koch. So lernte ich, mit den Händen Fische zu fangen. Ich sprang einfach ins Wasser und fing einen, noch einen ... Ich habe einen tiefen Bezug zum Meer, diesem dunklen unerforschten Element. Es findet sich überall wieder, in meinen Träumen, in der "Alexanderwelt". In meinen Träumen möchte ich manchmal selbst ein Fisch sein und diese Tiefen erleben.

Wiebke:
Hast du dich denn schon einmal selbst als Fisch gefühlt? Ich meine, warst du schon einmal ein Fisch?

Jürgen:
Nein, niemals. Vielmehr ist es der Geruch sowie die Berührung dieser Lebewesen. Kraken riechen nach Ammoniak und sind glitschig. Das ist ja etwas, was allgemein als eklig empfunden wird. Dieser Begriff des Ekels wurde durch das Christentum geprägt. Dort galt etwa die Spinne als Verbündete Satans. So wurde den Menschen der Ekel anerzogen. Der normale Mensch fürchtet sich gemeinhin vor solchen Tieren. Ob glitschig oder haarig - ich habe keine Berührungsängste mit Tieren.

Wiebke:
Gibt es denn Dinge, vor denen du dich fürchtest? Was ist ein Grund für dich, Angst zu haben?

Jürgen:
Existenzängste. Keine Kohle, kein Job, Krankheiten, Tod. Eben ganz menschliche Ängste, die auch ich immer wieder verspüre. Angst vor dem Tod, Angst davor, auf der Straße sitzen zu müssen. Gerade in Deutschland oder anderen Industrienationen ist die Verlustangst sehr groß; als z.B. bei einem freilebenden Indio im Amazonas-Regenwald. Keine Mucke mehr hören zu können, das wäre der Weltuntergang für mich.

Wiebke:
Oh ja, das ginge mir auch so. Welche CDs laufen denn bei dir zur Zeit auf Hochtouren?

Jürgen:
Meine letzte geliebte Metalscheibe kommt aus Holland. Die Band heißt IMPERIA. Ich kenne die Sängerin recht gut und unser Drummer spielt dort auch mit. Eine echt europäische Band mit Mitgliedern aus Norwegen, Finnland, Deutschland, Holland und Belgien. Normalerweise stehe ich ja nicht auf solchen Kram wie NIGHTWHISH oder WITHIN TEMPTATION, aber IMPERIA sind halt hammergeil, was sicherlich an der echt genialen Stimme von Helena Iren Michaelsen liegt. In dieser liegt soviel Kraft und Ausdruckstärke, sie singt so verdammt emotional, ohne dass es kitschig wirkt. Eine echt starke Band, solltet ihr unbedingt mal anchecken, die Debüt-Scheibe ist vor ein paar Wochen veröffentlicht worden. Ansonsten höre ich viel STRAPPING YOUNG LAD. Das ist meine Lieblings-Death-Metal-Band. Ich liebe "SYL". Außerdem steh ich total auf DEVIN TOWNSEND und alle seine anderen Projekte. Ansonsten höre ich auch noch vieles, was nicht dem Metal zuzurechnen ist. Z.B. EMILIANA TORRINI´s "Love In The Time Of Silence" oder HILMAR ÖRN HILMARSSON´s "Children Of Nature". Ich habe auch noch ein Nebenprojekt (STAHLMANTEL) zusammen mit Marko Kehren von DEINONYCHUS und RT (ex-BETHLEHEM). STAHLMANTEL ist sehr kalte, bizarre, auf eine Art industrielle oder besser maschinelle Musik, aber nicht einfach nur abgedreht bzw. abgedroschen, sondern mitunter sogar noch tanzbar. Denke, diese Mucke käme ganz gut auf dem alljährlichen Aachener Maschinenfest. Damit habe ich mich in den letzten drei Jahren sehr intensiv beschäftigt. Gestern z. B. hatte RT einen Dancefloor-Song im Gepäck und meine Freundin, Nicole von Hoegen zu Solbach, hat spontan dazu eingesungen. Anschließend habe ich die Spuren am PC ausproduziert, noch ein wenig gemastert usw. Scheiße viel Arbeit sowas, hat die komplette Nacht angedauert und man mag einfach nicht mehr mit dem Rumgeschraube aufhören. Aber solche Dinge schulen einfach die Ohren, fördern das Songwriting im allgemeinen und kommen definitiv meiner BETHLEHEMschen Leidenschaft zu Gute, auch wenn ich kein sonderlicher Freund von Dancefloor o.ä. bin und wohl auch niemals sein werde. Aber Musik zu produzieren ist immer noch ganz was anderes, als Musik etwa nur zu hören. Ich bin da sehr, sehr aufgeschlossen und neugierig wie die Hölle.

Wiebke:
Das kling ja sehr experimentell. Man muss sich ja auch mal nebenbei austoben können und neue Musikarten für sich erschließen...

Jürgen:
Genau. Es würde mir völlig auf die Hirse gehen, die ganze Zeit nur Metal zu hören. Ich kenne diverse Leutchen, die hören schon seit beinahe 20 Jahren PRIEST und schwören auf MANOWAR, als gäb's nichts anderes mehr im Leben. Typische Hippies halt. Nostalgiker. Würg. Für mich ist Musik Freiheit, fernab der Normen, Normalität, der Ketten der eigenen Versklavung. Und die ganze Zeit nur Metalbass zu spielen, wird auf Dauer nur noch öde. Mein Repertoire reicht mittlerweile von A-Z, ich bin einfach nicht bereit mich selbst zu limitieren. Warum auch?

Wiebke:
Welche Industrial-/Elektrobands gefallen dir denn besonders gut?

Jürgen:
APHEX TWIN, THE PRODIDGY, AUTOCHRE, COIL, ALEC EMPIRE - allerdings nur das 1996er "Les Etoiles des Filles Mortes". Diese Musik ist äußerst bizarr, wie Musik in meinen Träumen. Ein bisschen erinnert sie an alte Stummfilmklassiker ala "Nosferatu". Neuere ALEC EMPIRE Sachen find ich aber auch ganz geil, auf ATR fahr ich sowieso ab, obwohl es ATARI TEENAGE RIOT leider nicht mehr gibt. Dann natürlich noch DJ PAVO, TECHNO ANIMAL und GOBLIN, alte RESIDENTS und so weiter und so fort.

Wiebke:
Jetzt kommen wir aber endlich mal zum neuen Album. Was oder welche musikalischen Strömungen hatten darauf Einfluss?

Jürgen:
Och, ich habe da ja schon die verschiedensten Meinungen gehört, was man aus "Mein Weg" alles heraushören kann. Das hat mich zum Teil selber erstaunt. Das ging von Metal, Dark Metal über Gothic, Rock bis hin zu Pop. Der fünfte Song, 'Felbel Fittich', ist z. B. ein Pop-Song. Der stammt noch aus meiner und Steve Wolz's Side-Project-Kommerzzeit mit "SEVEN INCH", als wir uns entscheiden mussten, ob wir einen Vertrag bei Virgin unterschreiben. Angeblich will einer sogar Dark Wave oder heutigen Gothic herausgehört haben, aber das kann ich nicht so recht bestätigen. Das ist ja nun überhaupt nicht mein Ding. Also mit solchen Bands wie LACRIMOSA, IN EXTREMO oder DEINE LAKAIEN kann man mich jagen. Ich stehe aber auf den 80er-Jahre-Kram wie CLAN OF XYMOX, THE CURE, RED LORRY YELLOW LORRY oder alten U2. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass ich unterbewusst Sachen einfließen lasse, die ich zum Kotzen finde. Hm, was hatte denn noch Einfluss... Bei 'Knochenkorn' und 'Elf Sofitten' finden sich Mike Patton Einflüsse. Diese zwei Songs sind gesanglich ein wenig an FANTOMAS angelehnt bzw. beeinflusst von Pattons außerordentlicher Herangehensweise gerade in dieser Band. Der vorletzte Song dagegen hat schon fast BÖHSE ONKELZ-Manier mit Power Metal und auch Punk-Einflüssen (NIRVANAs "Territorial Pissings"). Ansonsten gibt es auf "Mein Weg" gerade im letzten Song Blues-Interpretationen, getragen durch monotone Rhythmik. Des Weiteren wohl alle möglichen Spielarten der Musik, die wir auf unsere ganz eigene Art und Weise zu dem urtypischen BETHLEHEM-Sound verwoben haben, der uns seit Jahren ausmacht. Eigentlich hätte ich ja gerne noch etwas ganz anderes und noch viel stärker eingebracht. Das ist ein verpöntes Wort unter Metallern, ich weiß gar nicht, ob ich das hier benutzen darf? Ich bin aber nun mal ein großer Fan von Nu Metal. Ich fahr total auf LINKIN PARK, LIMP BIZKIT, SLIPKNOT, STATIC X uswusf. ab. Denke, diese Einflüsse werde ich wohl verstärkt beim kommenden Album verarbeiten, auch wenn unser Label darüber durchaus entsetzt sein wird, die hassen diese Bands bzw. diese Mucke im allgemeinen; einst gab es da diesen Anruf: "Bist du bekloppt?" Aber so ist das halt, ich tue was ich will und scher mich nen Dreck um anderer Leute Gewohnheiten bzw. Vorlieben.

Wiebke:
Ich bin entsetzt. Mit Nu Metal kann man mich wiederum jagen. Aber jedem seins. Zu dem Cover von "Mein Weg": Das kommt mir auch so amerikanisch vor, so in Blau und Rot und weißen Streifen. Ist es eine Hommage an die USA?

Jürgen:
Goldrichtig! Du hasst es erfasst. Bravo! Es ist eine Hommage an die USA. Ich habe dort viele gute Freunde, sehr gute zum Teil. Die USA haben mir viel Gutes gebracht. Da sind Leute unterwegs, die immer an BETHLEHEM geglaubt haben und das auch noch immer tun. Ich kann zudem überhaupt nichts mit diesem weit verbreiteten Antiamerikanismus anfangen. Es ist typisch deutsch, andere Länder negativ beurteilen zu müssen. Der ewige Versuch, andere Länder zu einem weiteren Deutschland zu machen. Bestes Beispiel dafür, 80% der Deutschen hätten gerne an der Präsidentenwahl in den USA teilgenommen, um den bösen Herrn Bush zum Teufel zu jagen und nur halb so viele wählen im eigenen Land. Das sagt mal wieder alles. Nicht, dass hier wirklich alles schlecht wäre. Ich bezeichne mich selbst als Patriot, bin stolz auf die Leistungen unserer Dichter, Denker, Erfinder, Pioniere, auf alle die Kreativen, die unser großartiges Land hervorgebracht hat - das erfüllt mich mit Freude. Dazu gehört auch Klaus Kinski. Ihm sollte "Mein Weg" zunächst gewidmet sein. Er ist mein Held.

Wiebke:
Ihr hättet das Cover ja auch Schwarz-Rot-Gold machen können.

Jürgen:
Ja, aber da muss man ja schon wieder vorsichtig sein. Man wird schnell mal in einen Topf mit rechtsradikalen Bands geworfen. Das ist zwar sehr schade, BETHLEHEM ist völlig unpolitisch, aber das muss man ja nicht unbedingt noch fördern. Obwohl es schon echt ne Schande ist, diese Überlegungen bei einer potenziellen Wahl der Nationalfarben zu Grunde zu legen.

Wiebke:
Warum habt ihr nun die Widmung weggelassen?

Jürgen:
"Mein Weg" ist erneut ein sehr persönliches Album geworden. "Mein Weg" soll zeigen, dass wir immer noch unserer Linie folgen, dass wir uns nicht verbiegen lassen. Da hat die Widmung an Klaus Kinski am Ende nicht mehr so gut gepasst. Aber vielleicht ja auf der nächsten Scheibe.

Wiebke:
Also wird es doch noch eine weitere BETHLEHEM geben? Es kursierten ja Gerüchte, das ihr euch nach diesem Album auflöst.

Jürgen:
Nein, das ist kompletter Blödsinn. Ich weiß auch, wo das herkommt. Ein amerikanischer Journalist hat ein Review geschrieben und darin kritisiert, dass "Mein Weg" wie ein Abschiedsalbum klingt. Das ging dann wieder über vier Ecken um die ganze Welt und am Ende hieß es, wir würden uns auflösen. Ab Dezember werden wir die Arbeiten an einem weiteren Album aufnehmen, welches dann gegen Mitte nächsten Jahren produziert werden wird.

Wiebke:
Werdet ihr dann endlich auch mal wieder live zu sehen sein?

Jürgen:
Bis jetzt ist das nur sehr schlecht bis gar nicht möglich gewesen. Einmal waren es die Psychopathen, die einfach nicht live auftreten konnten und vielmehr psychotherapeutische Betreuung brauchten; in letzterem Falle ein sogenannter Sänger, der in BETHLEHEM einfach nur 'ne reine Studioband gesehen hat bzw. sich vor lauter Auftrittsangst die Höschen gar mächtig voll machte. Zudem noch nicht mal zu den Proben erschienen ist, weil immer aaaaalles andere wichtiger war. Aus diesem Grund haben wir uns kurz nach der Fertigstellung von "Mein Weg" von diesem Mongo getrennt und befinden uns zur Zeit auf der Suche nach einem neuen Sänger. Diesmal werden wir aber nicht nur das Talent in den Vordergrund stellen, sondern suchen nach einer Persönlichkeit, die keine Ausreden braucht um sich selbst darzustellen bzw. live zu repräsentieren. Hierzu Berufene sollten sich schleunigst unter bethlehem@alexanderwelt.org melden.

Wiebke:
Eine Frage noch zu euren Auftritten. Früher hattest du solche weißen Schlangenlederstiefel. Gibt es die noch?

Jürgen:
Oh ja, die trug ich zusammen mit schwarzen Stretch-Jeans, Patronengurt und anderem Krimskrams. Das erinnerte irgendwie an den großen Lemmy. Ich hatte sie auf meinem Dachboden gelagert. Dort herrschen in sehr kalten Wintern Temperaturen um die -24 °C. Ich habe früher dort geschlafen. Eines Tages führte ich bei ähnlichen Temperaturen ein Interview mit Florian Zinke fürs LEGACY durch und trug diese Stiefelchen, die mir übelst die Zehen zusammenquetschten und diese beinahe erfrieren ließen. Das war verdammt schmerzhaft und die Zehen außerdem für Wochen taub. Danach hab ich sie nie wieder angezogen.

Wiebke:
Du wohnst ja allgemein unter sehr extremen Bedingungen, mit dem größten Braunkohletagebau Europas gleich nebenan.

Jürgen:
Ja, ich bin umgeben von Dreck, Staub, Maschinen, Einöde und Langeweile.

Wiebke:
Genau die richtige Umgebung, solche Musik zu machen. Ein bisschen erinnert mich das an die Umgebung von NINE INCH NAILS.

Jürgen:
Ja, die habe ich vorhin glatt vergessen zu erwähnen. Wie so vieles andere wohl auch.

Wiebke:
Wird es denn ein Video geben?

Jürgen:
Gibt es bereits. In dreiwöchiger Kleinarbeit habe ich mit meinem Team von ALEXANDERWELT MEDIA PRODUCTIONS an einem Clip für 'Dr. Miezo' vom aktuellen Album gebastelt und es werden sicherlich noch weitere folgen. Dieser Clip ist für eine US-Black-Metal-DVD bestimmt, wird aber auch auf einer eigenen BETHLEHEM-VCD zu sehen sein, die wir momentan in der Mache haben und die neben weiteren Clips noch diverses Bonusmaterial, Fotogalerie u.ä. enthalten wird. Diese VCD entsteht erst mal in Eigenregie, unabhängig von irgendwelchen Labels. Für Red Stream wird's dann zu späterem Zeitpunkt ne DVD geben, die ebenfalls von unserer hauseigenen Produktionsfirma hergestellt wird. Wir geben solche Dinge nicht aus unseren Händen, machen diesbezüglich alles selbst. Seit Jahren beschäftige ich mich hobbymäßig mit der Filmerei und der Erstellung von Clips und weiteren Multimedia-Produkten. Leider fehlt allzu oft einfach die Zeit bzw. das Geld.

Wiebke:
Eines noch geht mir nicht aus dem Kopf, die Zahl 7. Hast du dazu einen besonderen Bezug? Ein Song spielt ja damit.

Jürgen:
Ja die 7 ist meine Lieblingszahl. Ihr Ausdruck und ihre Form finde ich sehr schön, ich sehe das Positive in Form der 7. Eines Tages begab es sich nun, dass diese Zahl besonders häufig auftauchte. Ich ging spazieren und kam an sieben Bäumen vorbei, dann sprangen sieben Frösche vorbei und man fängt natürlich an zu suchen, wenn man sich einer Sache besonders widmet. Davon handelt der Song 'Knochenkorn'.

Wiebke:
Nun hast du noch gar kein Wort über das FRANK SINATRA-Cover im letzten Song verloren. Unmöglich!

Jürgen:
Ja, also ich bin ein großer FRANK SINATRA-Fan. Überhaupt stehe ich total auf große alte US-Sänger wie DEAN MARTIN oder SAMMY DAVIS JR. Unser ehemaliger Sänger verwendete zum Warmsingen Songs von z.B. ROBBIE WILLIAMS oder FRANKY BOY. Das klang so verdammt geil. 'My Way' mit Metal zu vermischen kam uns zu keinem Zeitpunkt in den Sinn, dieser Song wirkt einzig in seiner klassischen Form. Alles andere würde kitschig klingen. Also haben wir uns spontan für diese Umsetzung entschieden und ihn kurzerhand im Studio produziert. Und waren hocherfreut, ein solch geiles Resultat zu erzielen. Wir haben früher schon mal ein IRON MAIDEN-Cover für so nen Tribut-Sampler eingespielt, allerdings fernab des Originals, was unserer eigentlichen Herangehensweise an Cover-Songs entspricht. Auch habe ich den Text verdeutscht und das auf eine ganz besondere Art und Weise. Wen es interessiert, bei diesem Cover handelt es sich um 'Where Eagles Dare' von der "Piece Of Mind". Unsere Version ist mit 'Wo Adlers wagen' betitelt.

Wiebke:
Also ich bin begeistert, insgesamt. Ich finde "Mein Weg" ist ein sehr entspannendes Album geworden. (Auch gewahr der Erörterung über die entspannende Wirkung harter Musik.) Wir reden schon ganz schön lange.

Jürgen:
Ja wirklich, in einer Minute ruft hier schon der nächste an. Jemand von einem Radiosender. Aber der wird ja auch mal fünf Minuten warten können. Obwohl, man weiß ja nie so genau, wie die Leute darauf reagieren. Manche sind da extrem pingelig. Aber eine kurze Entspannung werde ich mir noch gönnen.

Wiebke:
Dann jetzt noch schnell ein paar letzte Worte an unsere Leser ...

Jürgen:
Schöne Grüße und zwei Frisöre!

Wiebke:
Danke, das ist wohl das Beste, was man echten Metallern wünschen kann. So, nun wünsche ich dir noch viel Spaß bei deinem nächsten Interview.

Jürgen:
Naja, das geht hier ja zu wie in der Schule: Ein strenger Unterrichtsplan und man darf nicht fehlen. Am Ende gibt's noch mit dem Rohrstock auf die Finger.

Wiebke:
Jetzt sag nicht, dass du so etwas noch miterlebt hast??

Jürgen:
Doch, zwar nicht ich selber, aber ich erinnere mich noch genau an Ralf Krause, der in Deutschaufsätzen immer 6er geschrieben hat. Er musste dann nach vorne kommen und der Lehrer schlug ihm dann mit dem Aufsatzheft auf das linke und rechte Bäckchen, bis das Heft ganz zerknittert aussah und dann weiter mit dem Rutestöckchen Fünfe auf die Finger.

Wiebke:
Das ist ja furchtbar! Gut, dass wir jetzt in besseren Zeiten leben ...

Redakteur:
Wiebke Rost
1 Mitglied mag diesen Artikel.

Login

Neu registrieren