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ATLANTEAN KODEX: Interview mit Manuel Trummer (zweiter Teil)

14.11.2013 | 09:46

"Metal sollte Impulse setzen, provozieren." Manuel Trummer hat eine gute Vorstellung von der Leistungsfähigkeit der Szene. Ballermann oder Anspruch? Unser Interview klärt auf.

Im ersten Teil des ausführlichen Interviews mit Manuel Trummer sprachen wir vor allem über das Album "The White Goddess", merkwürdiges Konzertverhalten und Fan-Nähe. Jetzt holen wir etwas weiter aus und reden über die Existenzberechtigung der breiten Metalszene, die Funktion des Undergrounds und das Selbstverständnis von ATLANTEAN KODEX.

Nils: Ich finde es irgendwo witzig, dass bei ATLANTEAN KODEX der Überbau doch eine gewisse Rolle zu spielen scheint, auch wenn natürlich das Party-Erlebnis stattfinden "darf". Das Thema schneide ich deswegen an, weil ihr ja gerne mal augenzwinkernd in Richtung der ganzen okkulten Bands schielt, die sich mit antikosmischen Konzepten und Ähnlichem schmücken. Daraus ist beinahe schon eine Bewegung entstanden, in der sich die Fans bewusst von anderen Bands abgrenzen, eben mit dem Gedanken "meine Band ist besser weil sie für irgendeine Philosophie steht". Inhaltlich habt ihr damit zwar nichts am Hut, aber die Art und Weise der Perzeption ist scheinbar durchaus ähnlich.

Manuel: Ja das ist richtig. Konzeptionell sind wir an solchen Bands schon ziemlich nahe dran, aber inhaltlich unterscheiden wir uns dafür umso mehr. Der Punkt ist der, dass ich es - auch aus meiner Hörerfahrung als Fan - wesentlich spannender finde wenn mir eine Band mehr bietet als bloß die Musik. Mir ging es früher bei einigen Bands immer schon so, dass wenn ich Texte und Liner Notes gelesen habe und gemerkt habe, die stehen für was, ich mich mehr für die Band begeistern konnte. Klar, es gibt auch Bands wie AC/DC oder AIRBOURNE, die ich mir ganz gut anhören kann, aber mehr lässt sich da eben nicht rausziehen. Ich mag es wenn Bands etwas zu sagen haben und wenn sie einen Plan, ein Konzept haben und das dann ästhetisch und ideologisch verfolgen. Und so sehe ich es auch bei ATLANTEAN KODEX. Wir bieten über die Musik hinaus ein schlüssiges Angebot, das die Musik abrundet und wahnsinnig viel Spielraum für Interpretation bietet. Wenn die Leute nur die Musik haben wollen, ist das völlig legitim. Ich möchte aber auch das ganze "Drumherum" haben und deswegen bieten wir es dem Hörer an.

Meiner Meinung nach ist das ein wichtiges Thema wenn wir über derzeitige Streitthemen in der Szene reden, Stichwort "Verballermannisierung". Scheinbar gibt es nur noch partywütige Draufgänger, die sich gerne betrinken. Wo grenzt sich die Szene davon ab?

Ja, vollkommen richtig. Und das ist nicht die Musik, das sind vor allem die Inhalte. Das, wofür die Bands stehen. Unsere Szene kreist natürlich um die Musik, sie wird aber auch von gemeinsamer Tradition zusammengehalten, von Werten, Normen und einer gemeinsamen Einstellung. An diesem Punkt lässt sich eine Szene gut von der breiten Gesellschaft unterscheiden. Es geht immer darum, alternative Werte zu denken und zu leben, sie aber auch in die Gesellschaft einzuspeisen, um so gesellschaftlichen Fortschritt oder zumindest ein punktuelles Umdenken zu erreichen. Wenn wir über die sogenannte Verballermannisierung der Szene reden, liegt für mich das große Problem darin, dass die Band nicht mehr für eine Sache stehen, sondern es geht bloß noch um die Party als solche. Es gibt viele Leute, die auf Konzerte gehen ohne die Musik überhaupt zu kennen oder sich mit den Bands auseinandergesetzt haben. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, kann sie für die Szene gravierende Folgen haben. Wichtige Normen und Werte würden in Vergessenheit geraten. Dann erreicht die Szene einen Punkt, an dem sie gesellschaftlich einfach nichts mehr zu sagen hat, sich von der breiten Gesellschaft nicht mehr unterscheidet. Letztendlich würde sie dadurch ihre gesellschaftliche Relevanz vollkommen einbüßen. Ich fände es persönlich sehr schade wenn Metal nichts mehr zu sagen hätte oder die Gesellschaft nicht mehr kritisieren könnte. Metal sollte Impulse setzen, provozieren. Und damit ist nicht nur das Feiern am Wochenende gemeint, wo man zu egal welcher Band Sangria in sich hineinschüttet und abfeiert. Natürlich soll Metal auch Grenzüberschreitung sein, aber wenn es nur noch unreflektiert um diesen Aspekt geht, sind wir von inhaltsloser Popmusik nicht mehr weit entfernt.

Wie steht es denn deiner Meinung nach speziell mit dem Underground? Ich war dieses Jahr sowohl in Wacken als auch beim Keep It True und konnte so ja eigentlich beide Extreme beobachten. Interessant ist aber, dass es auf beiden Festivals Leute gibt, die nicht die leiseste Ahnung haben, welche Band gerade spielt und eigentlich nur vor Ort sind, um Bekannte zu treffen. Auch im Sacred Metal Board findet man Leute, die eine Band abends um 11 nicht mehr gucken wollen weil sie bis dahin schon abgefüllt sind. Wo ist da noch der Unterschied?

Der Punkt ist, dass sich der Underground kaum noch von der breiten Szene unterscheidet. Die Zugangsschwellen sind heute wesentlich niedriger als früher. Damals brauchte man extreme Szenekenntnis, um dazuzugehören. Heute kann man sich mit einem Mausklick die obskursten Demos runterladen. Der Underground ist zahlenmäßig in den letzten zehn Jahren förmlich explodiert. Das führt wiederum dazu, dass der Underground nach den gleichen Mustern funktioniert wie die breite Metalszene. Underground ist für die Industrie interessant geworden, es greifen oftmals die gleichen Muster von Konsum, von Ökonomisierung und Eventisierung. Insofern fällt es dem Underground heute auch deutlich schwerer als noch vor zehn, 15 Jahren, Impulse zu setzen. Die Extreme sind weitestgehend ausgereizt. Zurzeit wird die Metalszene allein dadurch am Leben gehalten, dass sich jeder irgendwo positionieren möchte und damit auseinandersetzt, wo er steht. Sich darüber Gedanken zu machen, was in der Szene sein darf und was nicht. Das sind alles so Diskurse, für die es keine eindeutigen Antworten gibt und ich möchte auch keine geben. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, sich über Bedeutung und Funktion der Musik auszutauschen. Und das passiert im Underground durch die diversen Abgrenzungsbewegungen wesentlich stärker als in der breiten Szene, das ist wichtig.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass musikalische Trends und Innovationen immer aus dem Underground kommen, die Szene wird kreativ am Leben gehalten. Egal ob das der Thrash in den 80ern, Black Metal in den 90ern oder die Retro-Wellle in den 2000ern. Das kam alles aus dem Underground, nicht von den Plattenfirmen. So wird der Metal zur zeitgemäßen musikalischen Umsetzung gesellschaftlicher Entwicklungen und er bleibt zeitspezifisch relevant. Zwei, drei Jahre später werden solche Impulse meistens von den großen Labels aufgegriffen und in den Mainstream eingespeist. Kreativ-ideologisch ist der Underground nach wie vor ganz zentral für die Weiterentwicklung der Szene.

Der technische Fortschritt ist doch aber auch begrüßenswert, also irgendwo ein zweischneidiges Schwert. So kann man auch als bisher nicht Szene-Kundiger leicht auf Bands stoßen, die auf durch das Internet beispielsweise ihr Publikum vergrößern können. Man kann anhand von ATLANTEAN KODEX doch sehr gut nachvollziehen, was es ausmacht wenn eine Band in ein, zwei einschlägigen Foren bekannt gemacht wird und wo jeder Außenstehende mitlesen kann.

Ich würde das nichtmal als zweischneidiges Schwert betrachten. Ich finde es sehr gut wenn eine Demokratisierung von Wissen stattfindet und mehr Personen Zugriff auf Informationen haben. Das ist mir persönlich wichtiger als irgendwelche Grenzziehungen im Underground.

Kommen wir an dieser Stelle doch noch einmal auf ATLANTEAN KODEX direkt zurück. Am Anfang eurer Bandgeschichte habt ihr kaum live gespielt, in letzter Zeit werde ihr aber häufiger für kleine Festivals gebucht. Lebt euer Sänger mittlerweile nicht mehr in den USA?

Ja genau, das ist der Grund. Er ist letztes Jahr nach Deutschland zurückgekommen und lebt wieder hier. Das eröffnet uns natürlich die Möglichkeit, öfter live zu spielen.

Bleibt ATLANTEAN KODEX eine "Freizeit-Band" oder entwickelt sich da etwa ein fester Turnus, wie man es von größeren Bands gewohnt ist?

Es ist nach wie vor unser Hobby, leben könnten wir davon sowieso nicht. Wir haben alle gute Jobs und selbst zwei Levels höher bräuchten wir sie immer noch. Andererseits befinden wir uns auch in der luxuriösen Position, sehr viele Freiheiten zu haben und letztendlich mehr bewirken zu können als wenn wir auf das Geld durch die Musik angewiesen wären. Der Plan ist jetzt, dass wir zur Veröffentlichung des Albums 2014 ein paar Shows spielen und 2015 wird es sicherlich wieder ruhiger. Letztendlich werden wir also auf dem Niveau bleiben. Mehr könnten wir zeitlich auch gar nicht leisten. Wir sind zurzeit schon am oberen Limit des Machbaren.

Ich würde gerne noch ein paar Dinge zum Konzept des Albums wissen. Du hast von der weißen Göttin erzählt, vom Tod als Inspiration etc. Das klingt auf den ersten Blick ja eher nach einer anderen Szene. In meinen Ohren hat "The White Goddess" insgesamt aber trotzdem einen sehr positiven Vibe. Vom Versinken in Selbstmitleid im Doom, dass du augenzwinkernd den Kollegen von WHILE HEAVEN WEPT gerne zusprichst, ist bei euch ja nichts zu spüren.

Ich finde es zunächst mal spannend, dass du die positive Atmosphäre auf der Platte ausgemacht hast. Wo hat die sich denn bei dir geäußert?

Auch wenn die Platte eher düster geraten ist, sind es gerade die epischen Gitarren-Leads und die tollen Chöre, die das traurige Grundmuster aufbrechen und für den nötigen Faustfaktor sorgen. Deswegen verbreitet die Musik bei mir auch keine traurige Atmosphäre.

Interessant! Ich hatte ja eher gedacht, wir würden die Leute mit unserer Musik deprimieren. Gut zu hören, dass das nicht immer der Fall ist. Und was das Weinerliche betrifft, hast du vermutlich sogar Recht. Wir betonen ja immer dieses Kämpferische in der Musik. Beispielsweise der Refrain von 'Sol Invictus' oder die Strophen am Ende von 'White Goddess Unveiled' sind schon sehr martialisch. Da steht neben der Melancholie meiner Meinung nach noch genug Power drin, es hat immer noch Ecken und Kanten, die die Musik vor dem Kitschigen bewahrt. Mit dem ganzen Bombast, der Epik und so weiter bewegen wir uns schon stark auf der Schwelle zum Kitsch, ich hoffe aber, dass wir dabe nicht zu sehr in diese Richtung abgleiten. Texte wie "You're my one, you're my only" wird es niemals auf einer ATLANTEAN KODEX-Platte geben. Musikalisch liegen wir ja gar nicht so weit von WHILE HEAVEN WEPT entfernt.

Meine Kollegen von POWERMETAL.de sind auch meiner Meinung, dass ihr die Grenzen zum Kitsch nicht überschritten habt. Ein Kollege, der eher für die Euro-Power-Ecke zu haben ist, kommt sich aber etwas veräppelt vor, dass wir Traditionalisten euch so abfeiern. Bei so manchem Chorus und bei euren Texten bräuchte man doch nur eine gute Schicht Keyboards und es wäre geschehen.

Genau das machen wir ja nicht, noch fünf Lagen Keyboards obendrauf zu setzen. Ich habe aber tatsächlich in einem griechischen oder französischen Review gelesen, dass wir Keyboard-Chöre benutzen würden. Das stimmt nicht. Die haben wir alle selbst eingesungen. Auch bei 'Enthroned In Clouds And Fire' haben wir das so gehandhabt. In puncto Kitsch aber auch Geschwindigkeit entscheiden wir uns doch ziemlich vom Euro-Power-Genre.

Apropos Aufnahmen und Produktion. Habt ihr "The White Goddess" wieder in eurem eigenen Studio aufgenommen?

Ja, wir haben unser Studio weiter ausgebaut und uns um alle Details der Produktion gekümmert. Auch das Mastering stammt von uns. Alles, was du auf der Platte hören kannst, stammt letztendlich von uns. Es war kein externer Produzent beteiligt, kein Mischer oder sonstwer.

Aber analog habt ihr nicht aufgenommen, oder?

Nein, das kann sich heutzutage niemand mehr leisten, und es gibt auch so gut wie keine Produzenten mehr, die das beherrschen. Die Frage ist halt, wo man die Grenze zieht. Echtes Schlagzeug, echte Instrumente und Verstärker klingen auch bei einer digitalen Produktion ordentlich, wenn man das denn will. Trigger beim Schlagzeug oder Gitarrensoftware würden wir nicht benutzen, das gefällt mir nicht. Ich denke, dass man bei uns gut die Dynamik der Produktion heraushören kann. Eine richtig analoge Aufnahme wäre natürlich ein Traum. Aber dazu müsste man erst einmal ein Studio finden, das das noch macht.

Gerade hast du über das Artwork gesprochen. Von wem stammt das?

Das Gemälde ist von Caspar David Friedrich, aber das sonstige Layout etc. stammt alles aus unserer Hand. Die Illuminationen im Booklet, auf die du vermutlich anspielst, hat ein Kölner Künstler gemacht. Auf ihn bin ich durch seine Silmarillion-Illustrationen aufmerksam geworden. Er hat aber uns angeschrieben und seine Dienste angeboten, wir haben natürlich sofort ja gesagt. Er hat unsere Vorgaben so genau und virtuos umgesetzt, es ist grandios. Ich kann es selbst kaum erwarten, das Booklet in der Hand zu halten.

Da hat es sich ja gelohnt, dass ich nach den Texten gefragt habe. So bekommt man einen viel besseren Gesamteindruck von dem, was ihr vermitteln wollt. Euer Booklet macht viel mehr her, als wenn die Songtexte einfach auf einem schnöden LP-Sleeve abgedruckt sind. Den Punkt mit dem Silmarillion finde ich auch interessant, denn ihr wollt ja schon die Atmosphäre der epischen Erzählungen von Tolkien reproduzieren. Meiner Meinung nach schafft ihr das ausgesprochen gut.

Das sehe ich genau so! Tolkien ist ein großer Einfluss, vor allem das Silmarillion und seine Gedichte. Einerseits hat es dieses Melancholische, die Nostalgie, das Verschwinden der Welt, die bald nicht mehr sein wird. Das sind Aspekte, die auch bei uns immer durchschimmern.

Redakteur:
Nils Macher
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