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ATLANTEAN KODEX: Interview mit Manuel Trummer

02.11.2010 | 07:46

ATLANTEAN KODEX wirbeln gerade mit "The Golden Bough" mächtig Staub in der Szene auf. Höchstnoten und "Album des Monats" in vielen wichtigen Magazinen sowie große Begeisterung bei den Fans: ATLANTEAN KODEX werden zum Trend und damit das, was sie nie werden wollten. Grund genug, um bei Bandsprecher Manuel Trummer durchzuklingeln.

Manuel, zuerst einmal Glückwunsch zum neuen Album "The Golden Bough" und den sehr euphorischen Reaktionen auf das Album. Bist du da irritiert oder bestätigt?

Haha, na ja, beides. Bestätigt, weil wir schon glauben, dass wir ein starkes Album eingespielt haben, das den Leuten, die unser Demo mochten, auch gefallen würde. Zumal ja auch noch Songs drauf sind, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben. Irritiert oder überrascht, weil es jetzt auch in der breiten Metalszene gut anzukommen scheint. Damit haben wir so nicht gerechnet. Gleichwohl freuen wir uns natürlich darüber und nehmen das Lob auch gerne an.

Mit dem Titel "Album des Monats" im RockHard und im Heavy und der ganzen Euphorie drumherum, werdet ihr jetzt wohl zu einem Trend und damit zum Gegenentwurf dessen, was ihr immer sein wolltet. Wie geht ihr denn jetzt damit um?


Gut, dagegen können wir uns jetzt natürlich kaum noch wehren. Es ist ja den Leuten überlassen, ob sie unsere Musik jetzt kaufen oder nicht. Aber was definitiv nicht passieren wird - und das kann ich jetzt auch schon so sagen - ist dass wir uns als Band jetzt irgendeinem Trend öffnen und sagen, dass wir noch mehr in die Masse reinmüssen, unsere Musik anpassen, schöne Bandfotos machen oder tolle Frisuren haben müssen. Das alles wird nicht passieren. Wir werden weiter unseren Stiefel durchziehen. Wir können uns nicht dagegen wehren, dass die Leute die Platte kaufen. Das ist ja für uns auch eine tolle Sache, dass da jetzt mal ein bisschen Geld bei der Band hängen bleibt, mit dem wir z. B. unsere Konzerte und unsere Proberaummiete finanzieren können. So lange wir unseren Stil nicht an irgendwelche Erwartungen anpassen, habe ich kein Problem damit.

Du hast in zurückliegenden Interviews schon mal sinngemäß gesagt, dass der Metalhörer Qualität gar nicht mehr erkennen kann, selbst wenn er sie vorgesetzt bekommt. Hast du die Metalfans da unterschätzt?

Ja, das kann durchaus sein, dass ich sie unterschätzt habe. Ich habe ja auch das RockHard unterschätzt. Es ist vielleicht tatsächlich so, dass es einen Markt gibt für handgemachte und nicht auf Hochglanz polierte Musik. Dennoch denke ich schon, dass die Leute unheimlich stark darauf angestoßen werden müssen, damit sie sich mit solcher Musik beschäftigen. Ich denke, ohne die ganze Euphorie vor allem im RockHard-Forum und im Sacred-Metal-Board wären viele Leute gar nicht auf den Gedanken gekommen, sich mit der Band zu beschäftigen. Es braucht also gewissen Anreize oder eine generelle Neugier, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, denn sie sind einfach bequemer geworden. Dass es dennoch so gut ankommt, ist ja die eigentliche Überraschung.


Das gilt aber durchaus für die gesamte Branche. Viele der von dir kritisierten Hochglanzprodukte haben einfach auch eine größere Maschinerie im Hintergrund und werden entsprechend beworben. Von daher ist diese Erhöhung der Aufmerksamkeit vielleicht viel wichtiger als die Qualität der Musik. Ist das etwas, was dir Sorge bereitet?


Ja, das ist genau der Punkt. Es setzt sich nicht zwingend Qualität durch, sondern die Maschinerie dahinter, also die großen Plattenfirmen, die Zeitungen mit Annoncen zupflastern. Auf unserem Level ist es wohl eher die Lobby, die wir seit dem Demo hinter uns haben und die im Internet auch für einigen Trubel gesorgt hat. Das ist auch eine gewisse Maschinerie, die das für uns erledigt, auch wenn wir darauf gar keinen großen Einfluss haben. Aber auch da ist es so, dass sich vielleicht nicht so sehr die Qualität durchsetzt, sondern das Produkt, das die größte Sichtbarkeit hat. Darauf werden die Fans aufmerksam und das wird dann gekauft. Aber man muss den Leuten natürlich zu Gute halten, dass es unglaublich schwierig geworden ist, heute nicht die Orientierung zu verlieren, mit den ganzen Bands, die heute unterwegs sind. Insofern brauchen die Leute auch gewisse Autoritäten, auf die sich stützen können. Und das sind dann Autoritäten wie Annoncen in Zeitungen, Redakteure von großen Magazinen oder auch eine Euphoriewelle im Internet, der man sich dann anschließt. Darauf kann man sich ja dann auch "verlassen" und es verleitet einen dazu, sich die Musik anzuhören.

Wobei du mit einer relativ hohen Präsenz auch zu dieser Euphoriewelle im Internet beiträgst. Denkst du, dass die Nähe zwischen Musiker und Fans auch hilfreich ist, weil die Fans eben mehr sehen als nur die Band?

Gut, es gibt ein paar englischsprachige Foren und das Sacred-Metal-Board, wo ich wohl etwas dazu beigetragen habe. Im RockHard-Forum habe ich nur sehr wenig kommentiert. Aber ich versuche auch generell, mich aus Diskussionen um die Musik rauszuhalten und gebe eher Informationen zum Release und dem Stand der Dinge weiter. Aber ich denke schon, dass es den Leuten wichtig ist zu sehen, dass sie kein Produkt einer Plattenfirma kaufen, sondern dass da Musiker dahinterstehen, die zusammen im Proberaum auch mal ein Bier trinken. Das gibt natürlich auch Orientierung, denn sie kaufen ja nicht ein gesichtsloses Produkt mit dessen Urheber sie nie in Kontakt treten können, sondern sie kaufen die CD von einem Typen, den sie im Internet oder sogar persönlich kennengelernt haben. Das schafft Nähe, Vertrautheit und Orientierung und trägt dann sicher auch zum Erfolg des Albums bei. Ich habe ja auch in meiner kurzen Labelerfahrung gemerkt wie wichtig das ist. Ich kann mir manche Musik nicht mehr anhören, weil ich jetzt weiß, dass sich dahinter Idioten verbergen.

Wie sehr ist denn diese Euphoriewelle jetzt bei den ersten Verkaufszahlen spürbar? (Das Album war zum Zeitpunkt des Interviews bereits drei Wochen auf dem Markt - PK)

Ja, das merkt man schon ganz deutlich. Im Vergleich zum Demo, das wir ja noch selber vertrieben haben, haben wir das neue Album jetzt in der kurzen Zeit schon dreimal häufiger verkauft. Da schlägt sich das schon spürbar nieder. Aber im Vergleich zu wirklich großen Acts wie NEVERMORE oder gar IRON MAIDEN sind wir natürlich immer noch total kleine Fische.

Hast du denn die Hoffnung oder die Befürchtung, dass ATLANTEAN KODEX jetzt auch für ein größeres Label interessant werden könnte und könntest du dir überhaupt die Zusammenarbeit mit einem größeren Label vorstellen?

Nein, nicht wirklich. Darüber haben wir uns auch noch keine Gedanken gemacht. Die Zusammenarbeit mit Cruz Del Sur läuft aber auch perfekt. Vom Vertrieb bis hin zur persönlichen Zusammenarbeit mit Enrico (Labelboss, PK) ist es einfach fantastisch. Und wir haben da auch im kreativen Bereich die totale Kontrolle. Von der Produktion über das Cover bin hin zu den Shirts, haben wir den gesamten Entstehungsprozess unter Kontrolle. Und ich weiß nicht, ob das bei einer großen Plattenfirma noch möglich wäre. Was dann noch bei einem solchen größeren Label dazukommen würde, ist, dass eine Bookingagentur dazwischen geschaltet würde. Da verliert man einfach Kontrolle. Und das wollen wir auf keinen Fall. Wir müssen ja letztendlich rechtfertigen, was wir da rausbringen und das wird schwierig, wenn ein anderer für dich Shirts macht oder Gigs bucht. Außerdem ist dann auch der direkte Kontakt zu den Fans ein stückweit weg. Von daher kann ich mir gerade nicht vorstellen, von Cruz del Sur wegzugehen.

Nichtmal, wenn sich der Erfolg bei den nächsten Veröffentlichungen dann noch mal potenziert?

Auch dann nicht. Wir sind ja auch gar nicht Willens und in der Lage das zu leisten, was eine größere Plattenfirma von uns verlangen würde. Dafür haben wir gar nicht die Zeit. Wir haben ja auch nicht die Illusion, die manch jüngere Band noch hat, dass wir jetzt eine große Karriere starten. Wir sind alle jenseits der 30, teilweise jenseits der 40, da haben wir uns von der großen Karriere längst verabschiedet. Es geht darum Spaß zu haben, ein bisschen was zusammen aufzunehmen und hier und da mal ein Konzert zu spielen. Aber den Stress mit einem großen Label,  Touren zu spielen, Interviewtage zu haben etc., das tun wir uns nicht mehr an. Ich denke, das wird sich auch in den nächsten zehn Jahren nicht ändern. Für uns ist die Band eben auch nur ein Hobby. Und wenn es irgendwann kein Spaß mehr macht, dann wäre es auch vorbei.

Entsprechend habt ihr jetzt auch keine konkreten Pläne für die nächsten Monate?

Nein, auch wenn uns das niemand glaubt. Wir wissen selbst nicht wirklich, was als nächstes passiert. Wir werden sicher 2011 ein paar Gigs spielen, das ist klar. Aber wo und wann und wie viele wissen wir nicht.

Es lässt einen ja auch spannend bleiben, wenn man eher vereinzelt spezielle Gigs spielt. Hammer Of Doom, Keep It True oder Headbangers Open Air, ja auch das Rock Hard Festival sind da ja sicher mögliche Festivals.

Stimmt, das Rock Hard Festival hat sich sehr positiv entwickelt und da würden wir wohl auch ins Billing passen. Aber ob wir mit unserer drögen Musik auf ein Open-Air-Festival passen, wo die Leute eher Party machen wollen, weiß ich nicht.


Ach, da haben schon andere dröge Bands gespielt. Ich glaube, das würde durchaus gehen, hat ja beim KIT auch funktioniert. (Mittlerweile wurden ATLANTEAN KODEX für das Rock-Hard-Festival bestätigt. - PK) Themenwechsel: Du hast schon häufig betont, dass du viel Wert auf Traditionen legst, aber gleichzeitig sogar - zumindest kam es so an - modernen, ja intellektuellen Bands Qualität abgesprochen. Denkst du nicht, dass dies ein Stück zu weit geht?

Was ich damit meine ist, dass dieser sehr verkopfte Anspruch, den manche Bands haben, von den Hörern als Qualitätmerkmal angesehen wird. Je progressiver, je moderner, je technischer eine Band ist, um so besser sei sie angeblich. Dabei steckt oftmals bei diesen sehr verkopften Konzepten nur sehr wenig dahinter. Nur weil eine Band fortschrittlich ist und etwas Neues versucht, heißt das noch nicht, dass das dann auch gut ist und diese Neuerung gelungen ist. Dagegen verwehre ich mich eben. Das bedeutet aber auch nicht, dass das Beibehalten von Tradtionen immer gut ist. Wer nur stumpf 80er-Jahre-Metal nachspielt, der verkommt irgendwann zum Klischee. Das ist natürlich auch nicht besser. Irgendwo muss es da den Mittelweg geben, zwischen Traditionen auf der einen Seite und einer eigenen Note auf der anderen Seite. SLOUGH FEG sind für mich zum Beispiel das Ideal für die Verknüpfung zwischen Tradition und Moderne.

Und was entgegnest du Leuten, die euch vorwerfen, dass ihr nur 80er-Jahre-Musik spielt und es das ja schon alles gab?

Wer das sagt, hat unsere Platte wahrscheinlich nicht wirklich gehört. Natürlich gab es alle Elemente in unserer Musik schon einmal, aber in dieser Kombination gab es das noch nicht. BATHORY sind ja beispielsweise keine Band, die man auf die 80er beschränken könnte und die sicher ein großer Einfluss auf unsere Musik sind.

Jetzt hat eure Musik ein durchaus tiefgreifendes Konzept (es geht um die Forschungen des James George Frazer zu einer Art urzeitlichen Kult, die er in seinem 12-bändigen Werk "The Golden Bough" veröffentlichte - PK), ist zudem nicht gerade easy listening und hat durchaus Anspruch. Steht dieser Anspruch nicht im Widerspruch zu dem, was du vorhin noch über den Intellekt gesagt hast?


Ja, das ist tatsächlich ein Widerspruch. Aber was soll ich machen? Da komme ich nicht raus. Wenn ich jetzt einfach andere, leichtere Texte schreiben würde, dann wäre das auch wieder nicht ich und das würde dann auch nicht authentisch rüberkommen. Aber wir gehen ja auch nicht damit hausieren, dass wir jetzt eine so tolle anspruchsvolle Band sind. Ich würde das auch am liebsten aus der Musik ganz raushalten. Wir reden schließlich immer noch über Heavy Metal und da geht es nicht darum, wer der Intelligenteste ist. Da geht es um Power, um Energie, darum auch mal auf den Tisch zu hauen und zu sagen, das geht so nicht usw. Und das soll auch bitte so bleiben. Wenn jemand intelligente Texte schreibt, ist das super, aber dennoch ist doch Musik über Frauen, Bier und Rock & Roll nicht schlechter. Es geht mir also eher darum, dass die Fans Musik nicht abwerten sollten, nur weil sie nicht "intelligent" ist. Das ärgert mich maßlos. Denn dann könnte man ja auch AC/DC unter den Tisch kehren und die sind meiner bescheidenen Meinung nach die beste Band der Welt.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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