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ANOREXIA NERVOSA: Interview mit RMS Hreidmarr

01.01.1970 | 01:00

Die Magersucht heißt auf lateinisch ANOREXIA NERVOSA und äußert sich laut google-Suche so: "Magersucht ist eine Essstörung, die besonders Mädchen zwischen zwölf und 25 Jahren betrifft. Die Betroffenen halten meist eine strenge Diät oder verweigern Nahrung total. In den westlichen Ländern nimmt diese Krankheit stetig zu. ANOREXIA NERVOSA ist eine typische Erkrankung der leistungsorientierten Mittelschicht. Betroffene werden häufig als Musterschüler mit perfektionistischen Zügen beschrieben." Und dann gibt es noch die französischen Black-Metal-Heads mit dem selben Namen. Die Band um Sänger RMS Hreidmarr bringt gerade ihr viertes Album "Redemption Process" über ihr neues Label Listenable heraus, die Scheibe ist eine Orgie aus Finsternis, Schnelligkeit, Keyboards, Pathos und Keiferei. Magersuchtsliebhaber Henri Kramer stellte den Kontakt zu Sänger RMS Hreidmarr her...

Henri:
Ca va? (Wie gehts)

RMS Hreidmarr:
Haha, très bien. (Sehr gut) Danke dir!

Henri:
Euer neues Album heißt "Redemption Process"? Welche Erlösung meint ihr? Vom Leben? Vom Tod?

RMS Hreidmarr:
Die Hauptidee hinter den Texten und dem Titel ist eine Art spirituelle und physische Frage nach dem Absoluten und der Erlösung, ein langer und steiniger Weg des Fortschritts durch diese materialistische Scheiß-Welt zu einem neuen Licht. Es ist wie eine klassische Bibelgeschichte, noch einmal aufgegriffen von der westlichen Dekadenz in Form von ANOREXIA NERVOSA.

Henri:
Und was denkst du, soll dieses Licht nach der Erlösung darstellen? Oder was soll dort sein?

RMS Hreidmarr:
Ich weiß es wirklich nicht, ich erhebe auch nicht den Anspruch darauf es zu wissen. Ich suche einfach etwas "mehr", etwas Höheres. Etwas, was auch immer das sein soll, das über unserer Existenz steht, unserer Moral, unserer wissenschaftlichen Welt. Darum geht es mir in dem Stück 'The Shining'. "The light is shut in darkness" - "Das Licht ist in der Dunkelheit eingeschlossen" - ich glaube, dass du erst den Grund von Dunkelheit und Dekadenz berühren musst um einen neuen Weg zu einer höheren Ebene der Seele zu finden, einen Pfad jenseits des sterblichen Rahmens.

Henri:
Hast du wieder alle Texte selbst geschrieben?

RMS Hreidmarr:
Ja, ich verfasse alle Lyrics, alleine oder nicht, das interessiert mich nicht. Manche der Texte auf diesem Album sind in verrauchten Pubs entstanden, manche aber auch in Zügen und so weiter. Es kommt immer ganz natürlich, egal wo, egal wann, ich treffe da keine Vorkehrungen.

Henri:
Dann beschreibe einfach mal zwei Songs vom neuen Album: 'Sister September' und 'Worship Manifesto'. Um was geht es jeweils? Und was findet sich generell in den Texten von ANOREXIA NERVOSA wieder?

RMS Hreidmarr:
Meine Texte sind genau wie einige der Knackpunkte meines Lebens, jedenfalls die meisten. Sie sind was ich bin, was ich tue, über was ich denke. Sie sind sicherlich sehr persönlich. Wahrscheinlich sind sie auf "Redemption Process" noch etwas zynischer, etwas desillusionierter ausgefallen als auf den vorigen Alben. Aber die Hauptidee auf dem Album ist definitiv, den Glanz zu finden. ('The Shining' ist der letzte Song des Albums - Anm. d. Verf.) Zu den Songs: 'Sister September' handelt von einzelnen Personen, die ich kenne und die zum Einzelgänger werden. Es geht um verfluchte menschliche Beziehungen, es ist unser beschissenes Liebeslied. 'Worship Manifesto' ist dagegen einfach die Neuauflage von Aleister Crowleys "Temple Of The Holy Ghost"

Henri:
Was denkst du denn über Crowleys Arbeiten?

RMS Hreidmarr:
Ich denke, er war eine wirklich visionäre Persönlichkeit und hat tatsächlich einige Schlüssel zum Leben gefunden. Doch wie alle Avantgarde-Genies wurde er total missverstanden. Ich mag nicht alle seine Arbeiten, aber einige sind mit wirklich vielen universellen Wahrheiten gefüllt.

Henri:
Okay, dann zurück zur neuen Scheibe. Wo habt ihr das Album aufgenommen?

RMS Hreidmarr:
Das Album ist wiederum in den Drudenhaus Studios aufgenommen worden. Das sind unsere eigenen Aufnahmeräume, sie liegen auch hier in Frankreich. Produziert wurde die Scheibe von Xort, unserem Keyboarder. Wir haben diesmal unsere Aufnahmemethoden geändert. Wir wollten eine gewaltig-organische und persönliche Produktion, keine verdammt klinischen oder klischeemäßigen Sound. So spielten wir das Schlagzeug und den Bass live ein, benutzten dabei auch keine Effekte oder Trigger. Wir wollten etwas "Echtes", etwas mit Klasse, hübsch weit entfernt von den heutigen Standards. Das Album wurde dann von Björn Engelmann in Schweden gemastert, er hat schon mit Bands wie IN FLAMES, HYPOCRISY oder RAMMSTEIN gearbeitet.

Henri:
Wer hat eigentlich das Cover gemalt?

RMS Hreidmarr:
S.E.C.T. Metastazis haben das Cover erschaffen. Das ist so eine französische Avantgarde-Design-Firma. Es ist eine Komposition aus verschiedenen Arbeiten von wichtigen Bildhauern des 17. Jahrhunderts - sie wussten noch, was Stärke bedeutet.

Henri:
Und was ist die Idee gerade hinter diesem Bild?

RMS Hreidmarr:
Die eigentliche Idee dahinter ist es, eine Art Auferstehung in Richtung Himmel zu symbolisieren - etwas Strahlendes, etwas Prächtiges und Besonnenes. Eben etwas, das die Atmosphäre des Albums gut rüberbringt und natürlich die Idee der "Erlösung".

Henri:
Eine generelle Frage muss an dieser Stelle erlaubt sein: Ihr klingt wie die vertonte Hölle, ihr benutzt viele Instrumente und besitzt keinerlei ruhige Momente in eurer Musik - warum heißt ihr ANOREXIA NERVOSA, also Magersucht?!

RMS Hreidmarr:
Einfach weil wir denken, dass es der Name ist, der aus vielen guten Gründen am besten zu uns passt. Wir sind die ANOREXIA NERVOSA, die symptomatische Krankheit dieser sterbenden modernen Welt.

Henri:
Wo siehst du denn die Welt von heute sterben? Glaubst du nicht, dass die Menschheit in der Zukunft Freiheit und Frieden erreichen könnte?

RMS Hreidmarr:
Ich bin da etwas gespalten. Einerseits glaube ich trotz allem an die Menschheit, andererseits bin ich komplett entmenschlicht und pessimistisch. Ich habe so lange Geschichte studiert und weiß deshalb: Die Historie wiederholt sich immer. Jede entwickelte Zivilisation wird eines Tages stürzen müssen, genau wie es den Griechen und Römern ging. Erst die Dekadenz, dann der Fall. Diese Prozess hat heutzutage schon wieder begonnen. Die westliche Welt, wie wir sie kennen, stirbt. Daran gibt es keinen Zweifel. Das ist keine Frage des Glaubens, das ist schlicht Mathematik.

Henri:
Ein kurzer Blick zurück: Seid ihr immer noch mit eurer dritten Scheibe "New Obscurantis Order" zufrieden? Was würdet ihr anders machen?

RMS Hreidmarr:
Klar, wir sind auf alle unserer Alben sehr stolz. Ich würde wirklich nichts ändern, denn ich glaube, dass jede unserer Scheiben eine andere Art von Höhepunkt in der Geschichte unserer Band darstellt. Wir legen jedes Mal unsere gesamten verdammten Eingeweide in unsere Platten. Ich meine, selbst wenn "New Obscurantis Order" nicht perfekt ist, wir vielleicht immer noch einige Details hätten verbessern können - zu diesem Zeitpunkt unserer Kariere zeigt das Album perfekt unseren damaligen Gemütszustand. Das ist für mich das Wichtigste. Du bereust nie etwas, wenn du aufrichtige Musik machst, aufrichtige Platten. Das meine ich.

Henri:
Und wie hat sich "New Obscurantis Order" so verkauft?

RMS Hreidmarr:
Ganz gut. Ich denke, so um die 15.000 Kopien sind weggegangen.

Henri:
Was ist denn bei euch so passiert, nachdem "New Obscurantis Order" 2001 dann draußen war?

RMS Hreidmarr:
Wir machten eine Headlinertour in Frankreich, das war verdammt cool. Dann waren wir noch die Opener auf dem ersten Teil der "Diabolis Interium"-Europatour von DARK FUNERAL. Hinterher machten wir eine kurze Pause und begannen an "Redemption Process" zu arbeiten, was auch das Album ist, für das wir am längsten brauchten.

Henri:
Ihr habt auch euer Label gewechselt, seid von Osmose zu Listenable. Hattet ihr denn Probleme mit den Leuten von Osmose? Was gab es für Gründe zu wechseln?

RMS Hreidmarr:
Osmose ist ein wirklich cooles Label, die Leute dort arbeiten hart daran ihre Bands größer zu machen. Vielen Dank dafür! Aber wir brauchten einen Wechsel. Du musst wissen, wir hassen jede Art von Routine. Es ist eine Inspirationssache, wir müssen immer weiter und weiter gehen. Und wir dachten eben, dass es wirklich Zeit wäre etwas anderes zu probieren, wieder eine neuen Weg zu beschreiten. Und "Redemption Process" ist ohne Zweifel eine Art Neuanfang für die Band.

Henri:
Und, seid ihr denn zufrieden mit der Arbeit von Listenable?

RMS Hreidmarr:
Listenable glauben sehr an die Band und scheinen absolut motiviert zu sein. Wir sind die Priorität bei diesem Label, deshalb sind wir natürlich verdammt zufrieden.

Henri:
Was würdet ihr eigentlich machen, wenn ihr für ein Album lang mit einem Orchester zusammenarbeiten könntet?

RMS Hreidmarr:
Keine Ahnung, vielleicht eine Mischung aus Carl Orff, dazu LAIBACH und ENTOMBED. Haha. Wenn ich Metalbands mit Orchestern höre, etwa CRADLE OF FILTH oder DIMMU BORGIR, dann muss ich gestehen, finde ich das Ergebnis ziemlich zweifelhaft. Wenn es nur deswegen wäre, um auf dem Album einen Sticker zu haben wie "Ja, auf diesem Album spielte das London Symphonie Orchester einmal mehr", dann: Nein danke!

Henri:
Eine indiskrete Frage: Erkläre doch mal eure Pseudonyme!

RMS Hreidmarr:
Auf keinen Fall!

Henri:
Warum?

RMS Hreidmarr:
Einfach deshalb, weil die meisten unserer Pseudonyme unsere echten Namen sind oder Wortspiele unserer echten Namen. Das ist alles!

Henri:
In einem Interview hast du mal gesagt, dass du ANOREXIA NERVOSA nicht als Black-Metal-Band betrachtest. Wie würdest du euch denn in maximal drei Sätzen beschreiben?

RMS Hreidmarr:
Drei Sätze? Wow! Ich würde sagen, wir sind eine extreme, Wagner-mäßige, mutige, heftig romantische Band aus Frankreich. Wir sind die vom 21. Jahrhundert gefickten französischen Dandies. Wir sind jung, wir sind hübsch, kommt, fast uns an! Reicht das?!

Henri:
Ja. Kannst du nun etwas über die französische Metal-Szene erzählen? Welche Metalstile bevorzugen die Fans bei euch?

RMS Hreidmarr:
Es gibt nur wenige Bands hier, die wir mögen: UNDERCOVER SLUT, ANTAEUS, ROSA CRUX, EX-CATHEDRA, FORBIDDEN SITE (R.I.P.). Aber sie sind hier nicht wirklich populär. Um die Wahrheit zu sagen, die Fans scheinen hier vor allem Nu-Metal-Klone zu mögen. Aber wie auch immer, ich denke, es ist die selbe Scheiße wie überall.

Henri:
Ich war dieses Jahr beim "Fury Fest" in eurem Land. Warst du auch dort?

RMS Hreidmarr:
Ich war am letzten der drei Tage da. Ich habe ein paar verdammt gute Shows gesehen, auch wenn das, was mit SLIPKNOT passierte, echt beschissen war. Was für ein beklopptes Publikum, dumme Schafe. Das hat einmal mehr gezeigt, wie einfach man die hirnlosen Massen mit Gerüchten und Lügen manipulieren kann.

Henri:
Ihr mögt also SLIPKNOT? Oder geht es dir jetzt einfach um das Prinzip, dass Bands nicht von Bühnen getrieben werden dürfen?

RMS Hreidmarr:
Gut, ich mag SLIPKNOT nicht wirklich. Aber ich muss zugeben, dass ich ganz gut mit deren Schlagzeuger Joey auskomme. Er ist ein wirklich cooler Bursche, der ANOREXIA NERVOSA auch sehr stark unterstützt. Ich mag keinen Nu Metal, das ist ganz weit von Musik, die ich mag. Aber wie auch immer, ich würde nie zu einer Nu-Metal-Show gehen und Scheiße auf die Band werfen, nur weil ich denke, dass sie mir auf die Nerven gehen. So etwas ist eine völlig blöde und kindische Einstellung. Klar: Bands die ich nicht mag, ärgern mich, aber dann schenke ich ihnen eben keine Beachtung mehr. Aber ich hasse Leute, die Shows kaputt machen. Solche Leute widern mich an, egal welche Band es dabei erwischt.

Henri:
Ihr selbst habt noch nie in Deutschland gespielt, oder? Warum nicht?!

RMS Hreidmarr:
Nein, noch nie! Fuck that! 2002 sollten wir eigentlich in Deutschland ein paar Shows mit DARK FUNERAL zusammen spielen. Doch leider passierte bei der Organisation der Reise einen Menge Scheiße. Die Agentur für die Tour teilte uns irgendwann mit, dass sie unseren blöden Tourbus nicht mehr bezahlen könne. Wir hatten keine Wahl und mussten vor den Auftritten in Deutschland nach Hause fahren. Mir wird schlecht wegen dieser Scheiße...

Henri:
Und wie sieht es zur Zeit mit einer Tour durch unsere Lande aus, so mit dem neuen Album im Gepäck?

RMS Hreidmarr:
Ich hoffe doch! Ich denke, wir werden mit diesem Album mehr Tourmöglichkeiten haben. So hoffe ich, dass wir diesmal wirklich eine echte Europa-Tour machen können.

Henri:
Auf euren Promo-Fotos tragt ihr immer sehr diskretes Corpsepaint. Wie ist das auf der Bühne?

RMS Hreidmarr:
Ja, auf der Bühne tragen wir das auch.

Henri:
Und was denkt ihr über das Corpsepaint von Bands wie CARPATHIAN FOREST oder anderen extremen Black-Metal-Bands?

RMS Hreidmarr:
Ich kümmere mich nicht um andere, sie tun ihr Ding, wir unseres. So ist es eben. Wir haben unseren persönlichen Stil, und das ist das Wichtigste. Ich mag Bands mit starken Persönlichkeiten, mit starker Musik und Gesinnung. Wie auch immer, CARPATHIAN FOREST ist zum Beispiel eine coole, dreckige und rockende Black-Metal-Band. Ihr Image passt perfekt zur Musik, die großartig ist.

Henri:
Was waren denn so deine drei Lieblingsscheiben im letzten halben Jahr und warum?

RMS Hreidmarr:
Ich bin nicht sicher, ob ich drei Platten aufzählen kann, die ich im letzten halben Jahr wirklich gemocht habe. Einmal auf jeden Fall MINISTRY "Houses Of The Mole", weil Al Jourgensen rulez, INTERPOL "Antics", weil ich JOY DIVISION liebe und eben ANOREXIA NERVOSA "Redemption Process", weil das Album echt Ärsche kickt. Ich bin sehr stolz darauf.

Henri:
Kannst du dir eigentlich vorstellen in einem Schloss zu leben?

RMS Hreidmarr:
Das weiß ich wirklich nicht. Es wäre sicher nett, aber auf der anderen Seite, muss ich nahe dem Herz der Stadt schlafen. Ich bin eine sehr urbane Person, musst du wissen. Ich muss diesen Puls fühlen.

Henri:
Einige letzte Worte?

RMS Hreidmarr:
Beschleunigt den Herbst und sagt Amen.

Redakteur:
Henri Kramer

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