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AMPLIFIER: Interview mit Sel Balamir

23.01.2011 | 16:12

AMPLIFIER haben mit "The Octopus" ein wahres Monster von Album geschaffen. Mehr als zwei Stunden lang entführen Sel Balamir und seine Sidekicks den Hörer in eine ganz eigene Welt, die viel mehr sein soll als bloss Musik. Wir sprachen mit Sel über seine Visionen zur Entwicklung des Oktopus und über die Zukunft der Musikindustrie.

AMPLIFIER haben "The Octopus" komplett im Alleingang geschaffen. Es gibt kein Label und kein Management, sondern nur noch die Band selbst. Alles ist so geworden, wie es AMPLIFIER wollen und Sel Balamir ist mächtig stolz darauf. "Was du auf "The Octopus" hörst, ist die totale Freiheit. Niemand hat uns in unsere Musik reingeredet und uns gesagt, wie wir zu klingen haben, wann das Album fertig sein muss oder Forderungen nach Hitsingles gestellt. Wir haben ausschließlich getan, was wir tun wollten und das ist ein verdammt gutes Gefühl.", steigt Sel in das Gespräch ein. Dabei war es gar nicht die SPV-Insolvenz, die AMPLIFIER zu ihrer Entscheidung drängte. "Nein, eigentlich waren wir schon vorher mit SPV fertig.", stellt Sel unmissverständlich klar. "Sie waren nicht besonders glücklich mit unserem zweiten Album und entsprechend wenig haben sie dafür getan. Und wann immer wir jemanden von unserem Label erreichen wollten, hat niemand mit uns gesprochen. Das war schon ziemlich frustrierend. Aber so läuft das Musikbusiness nun mal, wenn man ein bisschen Erfolg hat, dann ist man der Mittelpunkt der Party, aber sobald der verflogen ist, steht man alleine mit seinem Cocktailglas in der Hand da und sieht nur noch das Chaos im Zimmer."


Die Entscheidung ab sofort die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, war da nur konsequent. "Die Musikindustrie, so wie sie heute existiert, wird bald zu Grunde gehen. Welchen Wert hat es für eine Band wie uns mit einem Label zusammenzuarbeiten? Diese Firmen haben einen riesigen Overhead und müssen vor allem sich selbst finanzieren und für den Künstler bleibt da nicht mehr viel für übrig. Selbst wenn wir mit einem Label doppelt so viele Scheiben verkaufen, bleibt uns als Band ja weniger, als wenn wir es selber machen. Natürlich müssen auch wir in Vorleistung treten und die Produktion etc. bezahlen, aber wenn wir dann die Alben verkaufen, geht das ja direkt an uns." Und bislang läuft der Eigenvertrieb von "The Octopus" auch hervorragend. "Das war wirklich der Wahnsinn. Beide Editionen (eine auf 500 Stück limitierte Deluxe-Variante mit 70-seitigem Buch & eine "normale" Digipack-Version, von der zunächst 1.000 Stück gepresst wurden  - PK) sind mittlerweile ausverkauft und wir lassen jetzt noch einmal 5.000 Exemplrae nachpressen, von denen einige auch bereits vorbestellt sind.", zeigt sich Sel sichtlich überwältigt. "Vor allem die Nachfrage aus Deutschland war riesig, weshalb wir mittlerweile auch alle unsere Newsletter etc. auch auf deutsch versenden.".

Das war so vielleicht nicht unbedingt zu erwarten, denn das zweistündige Mammutwerk erfordert viel Aufmerksamkeit und viel Geduld. "The Octopus" ist ein hartes Stück Arbeit. "Ja, das ist wahr.", bestätigt Sel. "Ich selbst kann das Album auch nicht am Stück hören, weil es einfach mit zu vielen Emotionen verbunden ist. Es ist eine epische, stellenweise sehr orchestrale Reise, ein Album, das man entdecken und erforschen kann. Ein Werk, dass dir als Hörer alles abverlangt." Doch "The Octopus" soll mehr werden, als bloss ein weiteres Album in der Historie von AMPLIFIER.


"In der Vergangenheit war es ja beinahe so, dass man mit der Veröffentlichung eines Albums fast schon mit seinem eigenen Werk abgeschlossen hatte. Man hat noch eine Tour gespielt und sich dann dem nächsten Werk gewidmet. Aber "The Octopus" ist mein Baby. Und ein Baby legt man ja auch nicht weg, nachdem es geboren wurde.", lacht Sel. "Nein, mit "The Octopus" stehen wir jetzt erst am Anfang. Dadurch, dass wir alles selbst machen, müssen wir natürlich auch dafür sorgen, dass "The Octopus" weiter in aller Munde ist. Meine Vision ist es, aus "The Octopus" so etwas wie einen Kult zu erschaffen. Das geht los damit, dass auf dem Cover des Albums weder Name noch Albumtitel, sondern nur das Symbol des Oktopus zu sehen sind. Dann haben wir jedem Album viele kleine Sticker mit diesem Symbol beigelegt und bitten die Fans, das Symbol des Oktopus überall hin zu kleben. Und weil die Aufkleber so klein sind (etwa 0.5 x 1 cm - PK), werden sie auch nicht gleich wieder weggemacht. Das ist nur eine kleine Idee, mit der wir auf "The Octopus" aufmerksam machen wollen, aber ich habe bereits in London und anderen Städten hier in UK unsere Aufkleber gesehen, es scheint also zu funktionieren.", erzählt Sel. Doch das ist nur eine kleiner Schritt zu den ganz großen Visionen, die dieser Mann hat.

"Wir werden natürlich mit "The Octopus" auf Tour gehen. Beim ersten Mal werden wir wohl nur einen Teil des Albums spielen und dies auch visuell entsprechend untermalen. Da sind wir aber derzeit noch dran, weshalb es bis zu den Gigs noch eine Weile dauern wird. Und wenn wir etwas Geld beisammen haben, würden wir schon gerne eine richtig fette Produktion dazu auffahren. Am liebsten in einer Kirche oder gar in einer Sternwarte. Das wäre gigantisch. Am allerliebsten würde ich natürlich eine feste Produktion für einen längeren Zeitraum in einem Theater oder so machen, aber das sind nur so Ideen, die mir im Kopf rumschwirren. Alles hängt natürlich davon ab, ob die Leute unser Album mögen und kaufen. Wer weiß, vielleicht wird schon ab morgen kein einziges Album mehr verkauft und alle Träume platzen wie Seifenblasen.", lacht Sel.


Um diese Träume nicht platzen zu lassen, sollte man die Band bei Gefallen eben auch mit dem Kauf des Albums unterstützen, statt es aus dem Internet herunterzuladen. "Ja, als das Album im Internet rumschwirrte, sind gleich die Verkäufe etwas zurückgegangen. Das tut bei uns natürlich schon weh, denn wir haben viel Arbeit in "The Octopus" gesteckt und wir müssen dieses Album dann auch verkaufen, um unsere Ziele zu verwirklichen. Aber ich habe insgesamt ein gespaltenes Verhältnis zum Internet. Einerseits wäre der Weg, den wir jetzt gehen, gar nicht ohne das Internet möglich, andererseits sorgt es auch dafür, dass die Musik an sich für viele Menschen zu einem wertlosen Gut wird." Dennoch profitiert die Band in mehrfacher Hinsicht von den Möglichkeiten, die das Internet bietet. "Ja, nicht nur wegen des Vertriebs der Musik ist das Internet hilfreich. So haben wir eine kleine UK-Tour im letzten Jahr nur via MySpace, Facebook & Co. angekündigt und sonst keinerlei Werbung dafür gemacht und zu den fünf Gigs kamen insgesamt mehr als 1.500 Leute. Und das ganz ohne Aufwand. Das war schon riesig. Außerdem steht man jetzt im direkten Kontakt zu den Leuten, die die Musik kaufen und wertschätzen. Und wenn wir schon nicht viel Geld mit der Musik verdienen, so bekommen wir wenigstens dauerhaft Feedback darauf, dass unsere Musik den Menschen etwas bedeutet. Was Tolleres kann es für einen Musiker eigentlich nicht geben."

Redakteur:
Peter Kubaschk

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