AC/DC: Diskografie-Check Teil 2 | Platz 10 - 6

21.12.2023 | 23:10

Willkommen zurück in Down Under, wo wir uns heute in die Top 10 der AC/DC-Diskografie begeben. Anlässlich des 50. Geburtstags der Rocker haben wir es uns nämlich zum Ziel gesetzt, euch den gesamten Katalog des Fünfers noch einmal näher zu bringen und natürlich auch einen Sieger zu küren. Eine große Frage ist ebenfalls, wann denn nun endlich der erste Langspieler der Bon Scott-Ära auftauchen wird, denn im ersten Teil haben wir uns bisher nur durch Material mit der Reibeisenstimme von Brian Johnson gehört.

10. Black Ice

Los geht es aber erst einmal in der AC/DC-Neuzeit, denn der "Stiff Upper Lip"-Nachfolger "Black Ice" aus dem Jahre 2008 markiert unseren ersten Eintrag in den Top 10. War der Vorgänger für mich persönlich schon ein sehr relevantes Album, erlebte ich den Release des schwarzen Eises erstmalig als Fan der Band und legte wahrscheinlich für drei Wochen nichts anderes auf als diesen Silberling.

Dass mein Blick auf die Scheibe etwas verklärt ist, versteht sich so von selbst, trotzdem lässt sich für mich problemlos argumentieren, dass "Black Ice" locker die beste Veröffentlichung der Australier nach 1990 ist. Einen großen Anteil daran hat sicher auch Produzent Brendan O'Brien, der die Rocker nach den eher sperrig-bluesigen Songs von "Stiff Upper Lip" und "Ballbreaker" wieder in eine stadiontauglichere Richtung drängte, wobei vor allem die Ära rund um "Back In Black" und "Highway To Hell" das ausgegebene Ziel war. Dazu legte O'Brien sehr viel Wert auf die Refrains, was sogar dazu führte, dass Brian Johnson oftmals mehr gesangliche Facetten im Studio abrief, anstatt nur herb ins Mikro zu knurren.

Wie gut diese Kurskorrektur funktionieren würde, machte damals bereits die erste Single 'Rock N Roll Train' deutlich, die für mich mit ihrem grandiosen Refrain und tollen Riffs bis heute einer meiner Lieblinge im gesamten Schaffen der Band ist. Im Allgemeinen ist die Eröffnung der Platte eine wahre Tour de Force, denn angefangen beim Rock'n'Roll-Zug über 'Skies On Fire' und 'Big Jack' bis zum fröhlich-rockenden 'Anything Goes' sitzt hier einfach jede Note. Und gerade wenn man denkt, man hätte den Fünfer in Bestform gehört, zündet das stampfende 'War Machine' ein Mitsing-Feuerwerk, das sich wahrlich gewaschen hat.

Wer damals ein Konzert der "Black Ice"-Tour besucht hat, wird wissen was ich meine. Und auch wenn die Spielzeit der Scheibe mit fünfzehn Tracks bisher die längste der gesamten Karriere ist, gibt es auch im hinteren Drittel noch zahlreiche Höhepunkte zu entdecken. Das bluesig-melodische 'Wheels' etwa ist eine oft übersehene Perle und mir persönlich gefällt auch 'Stormy May Day' extrem gut, auch weil hier Angus Young auf Anraten von Produzent O'Brien erstmalig an der Slide-Gitarre zu hören ist. Und natürlich beendet der Titeltrack den Silberling noch einmal mit einem ordentlichen Knall, wobei hier vor allem Brian im Refrain wieder mächtig Charisma in seinen Vortrag legt.

Klar, bedingt durch die lange Wartezeit von satten acht Jahren seit dem Vorgänger, die von einer Verletzung bei Basser Cliff Williams und einem etwas holprigen Labelwechsel von Elektra Records zu Sony Musik bedingt wurde, waren die Song-Archive natürlich voll, trotzdem hätte der Rotstift die Trackliste vielleicht noch etwas straffen und "Black Ice" insgesamt zwingender machen können.

Aber auch so ist die Zuneigung gegenüber dem Album, dessen Titel übrigens von einer Warnung vor Blitzeis (im englischen "Black Ice") inspiriert wurde, in unserer Redaktion recht groß. So vergeben Jonathan und Stefan Platz 6, während Tommy in der Scheibe den siebtbesten Eintrag der Diskografie sieht. Angesichts meiner Jubelarie hier dürfte es aber niemanden überraschen, dass meine Nennung in den Top 5 den Höhepunkt für "Black Ice" markiert, während Frank und Mahoni mit dem 14. Platz schlussendlich eine noch höhere Nennung verhindern. Andererseits ist die Konkurrenz, die jetzt weiter oben gelandet ist, auch ganz schön mächtig und so geht es am Ende auch in Ordnung, dass "Black Ice" als bestes Album der AC/DC-Neuzeit in unserem Diskografie-Check über die Linie geht.

[Tobias Dahs]

 

9. High Voltage (AUS)

Dafür, dass die Scheibe außerhalb Australiens nie in dieser Form erschienen ist, und sie damit vielen auch nicht so richtig geläufig sein dürfte, ist es doch eine ziemlich erfreuliche Überraschung, dass mein persönliches Lieblingsalbum der Band in unserer redaktionseigenen Reihenfolge auf dem neunten Platz landet, und damit - mit einer Ausnahme, die später kommen wird - vor nahezu allen Alben, die nach 1981 erschienen sind. Das ist dann doch ein echter Achtungserfolg, zumal klar sein sollte, dass die echte "High Voltage" - also eben nicht jene Compilation mit dem vom Blitz gerührten Angus, die in unseren Breiten so populär ihre Runden dreht - für den gelegentlichen AC/DC-Fan schon eine gewisse Herausforderung darstellt, weil sie eben als Debütalbum die Band noch in einer frühen Evolutionsstufe zeigt, in der sie eben erst dabei war, ihren markanten Stil und Sound zu finden.

So zeigt allein schon die Auswahl des Openers 'Baby, Please Don't Go', dass man noch nicht völlig auf eigenen Füßen stand, denn bei dem schmissigen Opener handelt es sich um die Coverversion des größten Hits des amerikanischen Blues-Gitarristen und Sängers Big Joe Williams und seiner Washboard Blues Singers, der sage und schreibe aus dem Jahr 1935 stammt und damals zusammen mit Dad Tracy und Chasey Collins aufgenommen wurde. Dass die Australier dem alten Klassiker einen guten Schuss extra Heaviness verpasst haben, versteht sich von selbst, doch gleichwohl sind der Blues und der Rock'n'Roll hier noch allgegenwärtig, wenn auch nicht mehr der urtypische Delta Blues der ursprünglichen Fassung. Dass der Song zu jener Zeit ein echter Standard war und bis heute ist, das beweisen im Übrigen zahlreiche weitere Coverversionen, wie etwa von VAN MORRISON, THE AMBOY DUKES feat. TED NUGENT und AEROSMITH, die ja auch alle bekennende Blues-Freunde sind. Den Opener hat im Übrigen noch Peter Clack - der Drummer der ersten Single 'Can I Sit Next To You Girl', die auch noch Dave Evans eingesungen hatte - eingetrommelt, der vor der eigentlichen Albumaufnahme die Stöcke jedoch wieder abgeben musste [1]. Kleine Anmerkung am Rande: Die Erstauflage des Albums zitierte Big Bill Broonzy als Urheber des Stückes, der es jedoch selbst nur gecovert hatte. Spätere Auflagen korrigierten den Fehler und nannten zutreffend Big Joe Williams als Songwriter.

Auch 'She's Got Balls' atmet noch den Spirit einer alten Zeit, obschon der markante Bass-Groove von Rob Bailey, Malcolms unbarmherzige Rhythmusgitarre und der stoische Beat von Session-Drummer Tony Currenti [1] hier bereits klar andeutet, wohin die Reise einmal gehen soll. Damit sind wir auch schon bei einem Kuriosum der Scheibe, denn die Stücke wurden von zwei verschiedenen Drummern (Peter Clack und Tony Currenti) und von zwei verschiedenen Bassisten (Rob Bailey und Produzent George Young) eingespielt. Nun, nicht so schlimm, denn allzu große Stil- und Qualitätsschwankungen sind hier nicht zu beobachten, und den bluesigen, rock'n'rolligen Groove der Ära beherrschten sie allesamt. Das macht nun auch 'Little Lover' zu einem geschmeidigen Groover, der zusammen mit dem vorgenannten Stück letztlich eines von zwei Stücken der australischen "High Voltage" ist, das es auch auf die nachgereichte internationale Version geschafft hat. Die übrigen Stücke des Albums wurden scheibchenweise, oder eher häppchenweise auf diversen Compilations nachgereicht, wie etwa auf der "'74 Jailbreak"-EP (1984) und im "Backtracks"-Boxset (2009), was durchaus schade ist, denn nach dem schon sehr gelungenen Auftakt wird das Album ab der Mitte für meinen Geschmack noch besser und noch spannender, denn mit 'Stick Around' nähert sich Angus erstmals seinen Trademark-Leads an, Bon Scott klingt schon unheimlich nach der "sleazy & creepy voice", die ihn berühmt gemacht hat, und das Stück geht schon angemessen hardrockig in den Nacken.

Mit 'Soul Stripper' sind wir dann sehr zurückgelehnt, instrumental orientiert unterwegs, mit auffälliger, vielseitiger, durchaus progressiver Perkussion und tollem Rhythmusspiel, das auch Rob Baileys Bass grandios unterstreicht, bevor dann Bon Scott richtig aufdreht und dem Stück die Krone aufsetzt. Doch damit nicht genug, denn an Platz 6 und Platz 7 der Playlist des Albums befinden sich tatsächlich zwei meiner absoluten Lieblingssongs von AC/DC, und - Schande über die Plattenindustrie - die sind in Europa bis heute Non-Album-Tracks. Glaubt ihr nicht? Der Rezensent übertreibt? Mag sein, dass ich da nicht ganz objektiv bin, aber 'You Ain't Got A Hold On Me' liebe ich einfach mit jeder Faser meines Leibes und ich gebe ihm ohne eine Sekunde zu zögern den Titel des besten AC/DC-Songs aller Zeiten. Warum? Nun, es packt mich daran einfach alles: der Groove, der Rhythmus, die Perkussion, Bon Scotts Phrasierung, der wirklich königliche und im Einstieg so herrlich verschleppte Refrain, die perkussive Steigerung vor dem Angus-Solo. Hier passt einfach alles, und dass direkt im Anschluss der ungewöhnlichste AC/DC-Song überhaupt folgt, macht alles nur noch besser:

'Love Song' ist bis heute die einzige reinrassige Ballade im Repertoire der Band geblieben, und man mag nun lästern, dass das vielleicht daran liegen könnte, dass Balladen einfach nicht so das Ding von AC/DC sind. Nun, mag sein, dass sie nicht wirklich auf Balladen stehen, doch die eine Ballade, die sie tatsächlich aufgenommen haben, ist ein echter Knaller von epischem Format, der wunderbare 1960er-Prog-Rock-Vibes atmet, verträumter Melodieführung zwischen BYRDS, ANIMALS und LED ZEPPELIN frönt, und Bon Scott von einer Seite zeigt, die er eben hier und nur hier offenbart. Ebenfalls ein riesiger verhinderter Hit und fraglos eine meiner Lieblingsballaden überhaupt.

Die Scheibe wurde übrigens von Malcolms und Angus' älterem Bruder und Mentor George Young für Vanda & Young produziert, der zudem für einige Songs ('Stick Around' und 'Love Song') auch die Bassspuren einspielte und Backing Vocals beisteuerte [1]. Er bemerkte gleichermaßen überrascht wie begeistert: "All of a sudden the kid brothers were still the kid brothers...but my God, they knew how to play. There was no sort of, 'Do they have it or don't they have it?' It was obvious that they had something." [2]

Ja, Leute, so toll können Debütalben sein, die eine Band vielleicht noch gar nicht so präsentieren, wie wir sie alle kennen und lieben, die aber gerade deshalb so viel über die Wurzeln der Musiker erzählen und das Ganze umso spannender machen. Hierzu kommt hier noch der Exotenbonus, weil eben diese Scheibe so nie bei uns erschienen ist, und zudem ein wirklich goldiges Artwork enthält, das einen Hund zeigt, der an einen Schaltkasten mit Hochspannung pinkelt. Keine gute Idee, so ganz generell, aber ein phänomenales Cover, das man beim Label Albert Productions seinerzeit für richtig provokant gehalten hat: "... an electricity substation with a dog pissing against it. It's so tame now, but back then we thought it was pretty revolutionary." [3]

[1] https://vwmusicrocks.com/2021/12/16/an-interview-with-tony-currenti-peter-clack-of-ac%cf%9fdc/
[2] VH1's Behind the Music (2000)
[3] Chris Gilbey (Albert Productions) in Engleheart, Murray & Arnaud Durieux (2006). AC/DC: Maximum Rock N Roll. pp. 92–93.

[Rüdiger Stehle]

 

8. For Those About To Rock (We Salute You)

Das Album mit der Kanone, genau. Nach dem brillanten "Highway To Hell" und dem tatsächlich noch etwas besseren "Back In Black", wie sollte man da weitermachen? Zumal Atlantic in den USA im Kielwasser des Vorgängers erstmals "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" und dann "High Voltage" erneut auf den Markt brachte. Beide stiegen natürlich in die Charts ein und Ende 1980 wurde der Film "Let There Be Rock" veröffentlicht. Nein, da lastete sicher überhaupt kein Druck auf der Band.

Wobei die Situation eigentlich tatsächlich positiver war, als man nach dem Tod des legendären Frontmannes hatte erwarten können. Nach dem Erfolg hatte die Band eigentlich alles perfekt zusammen: ein mächtiges Label, ein hervorragendes Management und einen Top-Produzenten in Mutt Lange, der auch bei den beiden Vorgängern den Kapitänsstuhl innehatte. Aber beim Label gab es Zoff. Der Präsident der US-Sparte hatte mit den beiden Alben "High Voltage" und vor allem "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" schnell Cash gemacht, aber Phil Carson, der den Rest von Atlantic Records verantwortete, hielt das für einen großen Fehler [1].

Vor allem aber war die Band eine andere. Nach mehr als einem Jahr Welttournee, riesigen Hallen und noch größeren Erfolgen musste man sich in der Welt der Stars zurechtfinden. Die nächsten Aufnahmen sollten in Paris stattfinden, aber die Band hasste ihre Appartements [2] und fand ihren Sound auch nicht in dem Top-Studio EMI-Pathe Marconi. Nach vielen Schwierigkeiten, vor allem mit dem Perfektionismus ihres Produzenten, der endlos an allem feilte [1], endeten die Aufnahmen endlich im September 1981 nach Monaten und heraus kam das Album mit der riesigen Kanone. Ein Album, dass die Band zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr leiden konnte.

Wir dagegen finden es durchaus gelungen. Mit Tommy und Jonathan am oberen Ende in den Top 5 und Timo und Rüdiger unten auf 10 und 11 ist das Gesamturteil doch ziemlich positiv und in der oberen Hälfte des Rankings. Tatsächlich finden sich einige starke Songs und ein absoluter Kracher auf dem Album, allen voran natürlich der überlebensgroße Titelsong, der ein fester Bestandteil der Live-Shows werden sollte. Und was wäre eine AC/DC-Show nach 1981 ohne den Kanonendonner? Übrigens heißt es, dass Angus Young durch ein Buch über Gladiatoren zu dem Titel inspiriert worden sei, denn der Buchtitel lautete "For Those About To Die We Salute You" [3] und die Idee kam der Band bei den Salutschüssen einer Übertragung der Hochzeit zwischen Lady Diana Spencer und Prince Charles [2]. Egal, es ist in jedem Fall eine der großen Hardrock-Hymnen. Aller Zeiten.

Aber auch sonst gibt es auf der Habenseite die flotten 'I Put The Finger On You' und 'Snowballed' und das coole 'Night Of The Long Knives', auch der Rausschmeißer 'Spellbound' ist in seiner Lässigkeit klasse. Aber dann enthält das Album eben eine ganze Reihe von guten, aber eben nicht sehr guten Songs, die auch irgendwie den Biss vermissen lassen und von denen dann das genannte 'Spellbound' nur das knapp Beste ist, ohne Material zu sein, das den älteren Werken auf Augenhöhe begegnen kann. Ja, wenn "For Those About To Rock" läuft, ist es ein cooles Album, aber wenn mich die Lust packt, AC/DC zu hören, bleibt es meist beim Titelsong und dann wird die Scheibe gewechselt.

Das hielt das Album nicht davon ab, erstmals in der Geschichte der Band die Nummer 1 in den US-Charts zu werden und auch heute noch genau da zu stehen, wo wir es auch hinsetzen, es ist nämlich mit 5,7 Millionen Stück in den bandinternen Verkaufsrängen Platz acht [4]. Haben wir irgendwie gut hinbekommen, oder?

[1] Wall, Mick (2021): AC/DC and the epic struggle behind For Those About To Rock; loudersound.com; abgerufen am 22.11.2023
[2] Engleheart, Murraym Durieux, Arnaud (2006): AC/DC Maximum Rock & Roll, Aurum Press, London
[3] Masino, Susan (2009): The Story Of AC/SC Let There Be Rock; Omnibus Press, New York
[4] bestsellingalbums.org; abgerufen am 22.11.2023

 

7. Dirty Deeds Done Dirt Cheap

In Australien war die Band zu diesem Zeitpunkt der heiße Scheiß. Die Rocker arbeiteten unermüdlich und hatten bereits das Material für ihr drittes Album komplett, als man noch versuchte, Interesse für die Band außerhalb der Heimatinsel zu generieren. Wieder wurde das Album in den Albert Studios aufgenommen, die zu diesem Zeitpunkt so etwas wie ein zweites Zuhause für AC/DC geworden waren, und Ende März 1976 war alles im Kasten [1].

Zuvor hatte die Band aber noch eine Single aufgenommen für den Song 'Jailbreak', auf dessen B-Seite mit 'Fling Thing' ein nahezu unbekanntes Stück zu finden ist, eine Interpretation des schottischen Folkliedes 'The Bonny Banks Of Loch Lomond'. Zu 'Jailbreak' wurde auch ein Video gedreht, das zwar ein kleines Budget hatte, das aber immerhin für ein paar Explosionen und Spielzeugpistolen reichte. Außerdem gibt es ein paar ziemlich große Hüte, Hemden mit Pfeilen gen Himmel und was immer Angus da trägt... ist das ein kurzärmeliger Schlafanzug?

Hier findet ihr das angesprochene Video.

Die Single erreichte Platz 19 der australischen Charts und... wurde auf der internationalen Version weggelassen und erst 1984 auf der EP "'74 Jailbreak" außerhalb Australiens veröffentlicht. Man muss im Nachhinein wirklich an der Zurechnungsfähigkeit der Plattenbosse zweifeln, denn dafür fand sich der Bluesrocker 'Love At First Feel' prominent an zweiter Stelle des Albums wieder, der zwar nett ist, aber kein Highlight, und in Australien ebenfalls nur als Single veröffentlicht worden war, aber immerhin in die Charts gestiegen war. Diese Fehleinschätzung seitens des Labels lässt sich übrigens noch toppen, denn "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" wurde von der US-amerikanischen Plattenfirma komplett abgelehnt und erst 1981, nach dem Erfolg von "Black In Black", in den Vereinigten Staaten veröffentlicht.

Ansonsten ist die Trackliste der beiden Veröffentlichungen identisch und enthält gleich einige echte Topsongs, allen voran 'Problem Child', das von den typischen AC/DC-Trademarks dominiert wird und regelmäßig in den Setlisten der Auftritte zum Zuge kam. Genauso war auch 'Rocker' immer mal wieder Gast auf der Bühne, ein kurzer, rasanter Rock 'n' Roll-Song, der in dem langsameren 'There's Gonna Be Some Rockin'' einen stilistischen Partner hat. Der Rest des Albums ist weniger spektakulär, aber abwechslungsreich, der Bluessong 'Ride On', das coole, aber nicht sonderlich originelle 'Ain't No Fun (Waiting 'Round To Be A Millionaire)' und der reduzierte Rausschmeißer der internationalen Ausgabe 'Squealer' sowie das witzige 'Big Balls' machen "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" zu einem sehr ungewöhnlichen Werk der Band.

Einen Song habe ich offensichtlich für den Schluss aufgehoben, denn der Hit des Albums ist der Titelsong. Der Name wurde von Angus Young einer Cartoonserie namens "Beany and Cecil" und dem darin auftretenden Charakter "Dishonest John" entlehnt, der diese Phrase auf seiner Visitenkarte trug [2]. Der Song 'Dirty Deeds Done Dirt Cheap' ist aus den Konzerten der Band nicht wegzudenken und ist ein brillanter, früher Ohrwurm der Band und wurde, wenn auch knapp, zur der bis dahin besten Single im UK mit einem 47. Rang [3].

Parallel zu der Veröffentlichung dieses dritten Studioalbums war die Band vor allem in England unterwegs, um sich international aufzustellen. Touren über die Insel, der Plan einer in England aufzunehmenden EP, der dann doch nicht durchgeführt wurde, eine John-Peel-Session, 1976 war ein aufregendes Jahr für die Band. Dabei spielte AC/DC auch erstmals auf dem Kontinent und im Anschluss an einen Gig in Deutschland wurde das Stück 'I'm A Rebel' aufgenommen, das die Band aber nie veröffentlichte. Stattdessen übernahmen die deutsche Rocker ACCEPT das Lied für ihr Debütalbum [4].

Interessanterweise scheiden sich an diesem Album stark die Geister, gibt es doch neben zwei zweiten und zwei dritten Plätzen auch zwei elfte und einen dreizehnten Rang, letzterer übrigens von mir. So uneinig waren wir sonst nur bei dem Original-Release des Debütalbums.

[1] Engleheart, Murraym Durieux, Arnaud (2006): AC/DC Maximum Rock & Roll, Aurum Press, London
[2] Irwin, Corey (2021): How AC/DC Turned a Cartoon and TV Commercial Into ‘Dirty Deeds’; ultimateclassicrock.com, abgerufen am 19.11.2023
[3] officialcharts.com, abgerufen am 19.11.2023
[4] Dome, Malcolm, Ewing, Jerry (2008): AC/DC The Encyclopedia; Chrome Dreams, New Malden

 

6. Powerage

Album Nummer fünf, jetzt standen die Zeichen auf Sturm! Die Band war international bekannt, mit "Let There Be Rock" hatte man sogar Atlantic Records in den USA, jetzt mit dem legendären John Kalodner am Steuer, überzeugt, die Band zu unterstützen, was sogar in einer US-Tour gemündet hatte. Das war die Ausgangslage, aber AC/DC ließ sich davon nicht beeindrucken. Schon Mitte 1977 hatte die Band erste Demos aufgenommen und einige Stücke waren mittlerweile gut ausgearbeitet, gut abgehangen wie ein gutes Steak [1]. Allerdings gab es nun, erstmals seit Jahren, einen Besetzungswechsel, Cliff Williams ersetzte Mark Evans am Bass.

So ging die Band in den ersten Wochen des Jahres 1978 wieder in die Albert Studios und nahm ein Album auf, das den Erfolg des Vorgängeralbums wiederholen sollte, weswegen man sich stilistisch scheinbar ein wenig daran orientierte. Aber die Erfahrungen der letzten ein, zwei Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen und ließen die Australier ihr vielseitigstes, ja, ein beinahe schon experimentelles Album schaffen, dem sie den Namen "Powerage" gaben. Bemerkenswert ist der aggressive Grundton einiger Songs, eventuell dadurch hervorgerufen, dass die Musikfans in ihrem Heimatland nicht mehr den gleichen Enthusiasmus für die Band zeigten wie früher. Hatte die Konzentration auf andere Kontinente ihre Heimatbasis beschädigt?

Nichtsdestotrotz beginnt das Album mit der einzigen Singleauskoppelung von "Powerage", 'Rock 'n' Roll Damnation'. Wir hören klassisches AC/DC-Material, ein straighter, energetischer Rocker, der in Großbritannien bis auf Platz 24 der Singlecharts stieg [2]. Die Arbeit zahlte sich anscheinend aus, die Band durfte sogar erstmals bei "Top Of The Pops" auftreten, der wichtigsten Fernseh-Musiksendung des Vereinigten Königreichs [3]. Doch danach nimmt "Powerage" eine völlig andere Richtung, als man erwarten konnte, nämlich in einen sechsminütigen Bluessong und anschließend in einen subtilen Groover namens 'Gimme A Bullet'.

Jetzt aber zu den Songs, die für mich und viele Fans das Herzstück des Albums darstellen, das aggressive, mit einem Flitzefingerriff versehene 'Riff Raff', bei dem Bon Scott seine Lyrik wie Pfeile in die Gehörgänge feuert, nur um von unnachgiebigen Solosektionen verfolgt zu werden, und 'Sin City', eine der absoluten Großtaten der Band, langsamer, aber nicht minder intensiv.

Zuvor hatte ich das Wort experimentell in den Mund genommen, seltsam im Zusammenhang mit AC/DC, aber wenn man 'What's Next To The Moon' hört, stellt man fest, dass die Band tatsächlich vielseitiger agiert als zuvor. Auch das eher gemächliche 'Gone Shootin'' ist ungewöhnlich, denn spätestens an dieser Stelle stellt man fest, dass Bon Scott viel bessere Texte verfasst hat und es schafft, diese tragische Drogengeschichte passend zu verarbeiten. Mit 'Up To My Neck In You' und vor allem 'Kicked In The Teeth' wird es nochmal aggressiv, sodass die Band ihr Album auf einem echten Höhepunkt beschließt, nicht zuletzt auch, weil Sänger Scott hier, aber auch auf dem ganzen Album, eine seiner besten Performances abliefert.

"Powerage" stellt das erste Album dar, das weltweit nahezu parallel veröffentlich wurde und auch überall das gleiche Coverartwork hatte, wenn auch manche Erstpressungen einen anderen Mix hatten oder sogar den ersten Song vermissen ließen, weil er einfach noch nicht fertig war. Allerdings gab es noch einen kleinen Unterschied, die europäische Version enthielt noch 'Cold Hearted Man', einen kleinen, relativ wenig aufregenden Song, der aber immerhin einen coolen Chorus enthält und der erst auf einer Compilation dreißig Jahre später auch in Australien veröffentlicht wurde. Auch bemerkenswert ist, dass das Album keinen Titelsong enthält, obwohl das doch bei AC/DC eigentlich immer Garanten für zukünftige Hymnen sind.

Dafür finden sich genug andere Stücke, die "Powerage" zu einem herausragenden AC/DC-Album machen, meinen fast alle in der Redaktion und geben sechsmal Platz 5 oder besser. Eigentlich hat nur Marcel eine völlig andere Scheibe gehört und setzt sie ziemlich weit ans Ende. Wie ich schon sagte, sie ist eben für die Australier eher ungewöhnlich, das muss man natürlich nicht zwingend mögen.

[1] Engleheart, Murray, Durieux, Arnaud (2006): AC/DC Maximum Rock & Roll, Aurum Press, London
[2] officialcharts.com, abgerufen am 19.11.2023
[3] Brannigan, Paul (2022): "F**k you, follow that!": The electrifying story of AC/DC's masterpiece, Powerage; loudersound.com; abgerufen am 19.11.2023

[Frank Jäger]

 

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende von Teil 2 unseres Diskografie-Checks angekommen. Die Spannung bleibt aber erhalten, denn die ganz großen Klassiker des Katalogs stehen noch immer aus und natürlich muss sich noch entscheiden, ob der Sieger Schwarz trägt, die Rasierklinge reitet, mit Starkstrom spielt oder sich doch auf dem Weg in die Hölle befindet.

Zu Teil 1 und Teil 3.

Redakteur:
Tobias Dahs

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